Swing Time von Zadie Smith

August 28, 2017











(Original: "Swing Time"/ 2016) Kiepenheuer & Witsch Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Tanja Handels (aus dem Englischen), 640 Seiten, gebunden★★(★) 3 bis 4 Sterne
"Beim Tanzunterricht lernen sich zwei kleine Mädchen kennen und werden Freundinnen. Beide träumen davon, Tänzerinnen zu werden. Doch nur die eine hat Talent. Die andere hat Ideen: über Rhythmus und Zeit, über schwarze Haut und schwarze Musik, über Stammeszugehörigkeit, Milieu, Bildung und Chancengleichheit.
Als sich die beiden Mädchen zum ersten Mal begegnen, fühlen sie sich sofort zueinander hingezogen. Die gleiche Leidenschaft fürs Tanzen und für Musicals verbindet sie, doch auch derselbe Londoner Vorort und die Hautfarbe. Ihre Wege trennen sich, als Tracey tatsächlich Tänzerin wird und erste Rollen in Musicals bekommt. Ihre Freundin wiederum jettet als Assistentin der berühmten Sängerin Aimee um die Welt. Als Aimee in Afrika eine Schule gründen will, reist sie ihr voraus und lässt sich durch das Land, in dem ihre Wurzeln liegen, verzaubern und aus dem Rhythmus bringen."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Doch für mich war ein Tänzer ein Mensch, der nirgendwo herkam, der keine Eltern und Geschwister hatte, keine Nation und kein Volk, keinerlei Verpflichtungen, genau diese Eigenschaft war es, die mir so gefiel.“  S.38
 
Der Eindruck, welcher sich bei mir zum Ende hin von dem Roman und seinen Figuren verfestigt hat, lässt sich vielleicht tatsächlich am besten mit einer Textstelle ausdrücken: "Wir können also festhalten, dass Aimee in ihrer eigenen Blase lebt", unterbrach er mich schließlich, "und deine Freundin ebenfalls und du übrigens auch." (S.619).
Obwohl man als Leser sofort mit der Protagonistin, Ich-Erzählerin und ihrer aktuellen Situation vertraut gemacht wird, entsteht zunehmend das Gefühl, dass jede Figur in diesem Buch einfach nur in seine eigenen Welt lebt und keiner den anderen versucht zu verstehen. Das liegt sicherlich daran, dass hier tatsächlich auch verschiedene, teils wirklich stark unterschiedliche, Welten und soziale Schichten aufeinandertreffen, jedoch scheinen einem die wirklichen Absichten und Intentionen der Figuren teilweise sehr verborgen. Diese Absichten stehen bei jeder Figur, völlig für sich und scheinbar losgelöst von den anderen Wünschen der Figuren. Dennoch ist die größte Verbindung wohl das Suchen nach dem eigenen Glück.
In den Handlungssträngen werden viele Themen angesprochen, die sehr kritische Ansichten über die Gesellschaft aufgreifen und welche den Leser auch in die richtige Richtung lenken, um über die Diskrepanzen, die in der Hierarchie der Gesellschaftsordnung herrschen, nachzudenken. 
Allerdings trat bei mir an vielen Stellen auch das Gefühl auf, dass sich die Autorin in einigen Handlungssträngen zu sehr verloren hat. Natürlich wirkt es für den Leser zunächst interessanter, wenn viele Ereignisse stattfinden und sich nicht alles um ausschließlich zwei junge Protagonistinnen handelt, die versuchen ihr Leben zu meistern. Jedoch hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle gewünscht, dass sich die Autorin vielleicht kürzer, aber präziser fasst. Die Beziehung zwischen der Erzählerin und ihrem Vater blieb meiner Meinung nach irgendwann einfach abrupt stehen, sodass ich mich zum Schluss gefragt habe, ob ich etwas komplett überlesen hatte. Ebenso werden immer mal wieder gewisse Handlungen außer Acht gelassen und wieder aufgegriffen, die dadurch das Gefühl erwecken, dass man sie hätte entweder ganz weglassen oder gezielter aufgreifen sollen.

"Oft fragte ich mich: Ist das eine Art Ausgleich? Müssen andere verlieren, damit wir gewinnen können?“  S.74

Doch auch trotz einiger kleinerer Mängel meinerseits, fand ich den Roman im Großen und Ganzen durchaus gelungen.
Mich reizten, die gesamte Thematik und die Darstellung der Lebensläufe der beiden Freundinnen, wie auch der recht realistischen Darstellung der berühmten, 'helfenden' Künstlerin Aimee. Tatsächlich zeigt der Roman nämlich dadurch wunderbar auf, dass Menschen in jeglicher 'Schicht' selbstsüchtig und selbstfixiert sein können. Anfänglich scheint man mit allen zu sympathisieren, außer mit Tracey. Dieser Eindruck legt sich nicht grundsätzlich, aber die Sympathieverhältnisse haben sich bei mir dennoch deutlich verschoben und genau das hat den Roman auch interessant gestaltet.
Nach jedem neuen Desaster, nach jeder katastrophalen Wendung entscheidet man sich aufs Neue, wie man die Figuren einschätzt oder überhaupt einschätzen kann. Selbst die Ich-Erzählerin hat bei mir stetig an Zweifeln und Kritik gewonnen. Sie wirkte für mich teilweise nur wie ein lebloses 'Kabel', welches alle Informationen ihrer Mitmenschen annimmt und selbst aber nichts daraus macht. Sie scheint sich einfach treiben zu lassen, ohne wirklich gegen etwas aktiv zu werden. Es ist aber auch unmöglich sie dadurch wirklich unsympathisch zu finden, weil sie gleichzeitig den Eindruck erweckt, als sei sie eben nur ein Gegenstand, dessen sich ihre Familie und Freund annehmen und verwerfen, wie es ihnen passt. 
So ist der Roman nicht nur darauf ausgelegt, die scheinbar immer stärker thematisierte Kluft zwischen den 'Weißen' und den 'Schwarzen' und der unterschiedlichen 'Welt' in der sie leben ins Gespräch zu bringen, sondern aufzuzeigen, dass diese Kluft in allen menschlichen Kontakten verborgen liegt, unabhängig davon wie man aufgewachsen ist, welchen Lebenslauf man hat oder wie man aussieht. Und obwohl der Eindruck zurückbleibt, dass sich Menschen nur auf sich selbst fokussieren und der 'Zusammenhalt' zweitrangig erscheint, gibt es in dem Roman ständig diese Hoffnungsschimmer, dass es doch eine Welt und Gesellschaft geben kann und auch gibt, die versucht sich den positiven Dingen im Leben zuzuwenden und sei es auch nur, die Liebe und Freude zur Musik und dem Tanz an seine Kinder weiterzugeben und sie mit dem Gefühl von Geborgenheit aufwachsen zu lassen.

"Sie drehte sich um. Sie sah nach Donnerwetter aus, wie wir früher immer sagten, doch als sich unsere Blicke trafen, mussten wir beide lächeln, ohne es zu wollen, ein einvernehmliches Grinsen." S.554


Kritisch, wenn auch an der einen oder anderen Stelle vielleicht nicht präzise genug. Manchmal verlieren sich die Handlungsstränge oder hinterlassen einen nicht zu Ende erzählten Eindruck. Dennoch werden Themen aufgegriffen, welche die gesellschaftlichen Probleme wunderbar aufzeigen und auch veranschaulichen, dass Geld weiterhin als einflussreichstes Instrument gesehen wird.
Die Darstellung der Lebensläufe der beiden Freundinnen ist durchaus gelungen und wird zum Ende hin deutlich ausdrucksstärker und emotionaler. Die Thematik des Tanzes und der Musik wird dabei immer mal wieder gut in die Geschichte mit einbezogen, sodass diese nicht nur in der 'gehobenen' Welt, sondern auch in den 'ärmeren Ländern' vorkommt und so einen roten Faden bildet, der den oberflächlichen Eindruck der Menschen etwas abmildert und freundlicher beziehungsweise lebensfroher gestaltet.



























Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!



Kommentare:

  1. Ich will es lesen, ich will es lesen!

    Neri, Leselaunen

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    1. Mich hat es auch die ganze Zeit magisch angezogen. :)
      Solltest du es lesen, bin ich auf deine Meinung gespannt. Habe mir mittlerweile noch andere Rezensionen durchgelesen und viele scheinen entweder total begeistert oder enttäuscht zu sein. Ist halt immer schwierig mit den "gehypeten" Büchern.


      Liebe Grüße
      Karin

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