Die Kostbarkeiten von Poynton von Henry James

Juli 05, 2017











(Original: "The Spoils of Poynton"/ 1896, 1908) Manesse Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Nikolaus Stingl (aus dem Englischen) , 288 Seiten, gebunden,  ★★(★)☆ 3 bis 4 Sterne 
"Wer sagt, dass Blut dicker ist als Wasser? Henry James erklärt in seinem Roman «Die Kostbarkeiten von Poynton» die Familie zum Schauplatz boshafter Verteilungskämpfe. Nach dem gefeierten Erfolg von «Die Europäer» und «Washington Square» führen wir die Henry-James-Renaissance mit dieser Neuübersetzung eines Spätwerks fort.

Wertvolle Gobelins, Elfenbeinschnitzereien, edle Bronzen und alte spanische Altardecken ... Adela Gereth hat in «Poynton Park», ihrem Landsitz aus dem 17. Jahrhundert, lebenslang leidenschaftlich erlesene Einrichtungsgegenstände aus ganz Europa gesammelt. Dass nun weder Sohn Owen noch die von ihm umworbene Mona Brigstock diese Kostbarkeiten zu würdigen wissen, bereitet Adela Kopfzerbrechen. Dass das junge Paar sie ausquartieren will, bringt sie gar an den Rand der Verzweiflung. Dabei hat sie in Fleda Vetch doch bereits eine adäquate und sachkundige Schwiegertochter ausgemacht. Fleda findet tatsächlich nicht nur Gefallen am Haus, sondern auch an Owen – und sitzt plötzlich zwischen allen Stühlen. Bekannt für seine sprachliche wie psychologische Raffinesse, lässt uns Henry James auch mit diesem Roman wieder in die Abgründe menschlicher Beziehungen blicken."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Doch sie irritierte Mrs. Gereth mit ihrer Bewunderungsformel, die da lautete, dass alles, was sie sah, 'im Stile von' irgendetwas anderem sei. Das sollte beweisen, wie viel sie gesehen, bewies aber nur, dass sie nichts gesehen hatte; alles in Poynton war im Stile von Poynton [...]“  S.29

Meine erste 'Henry James'-Lektüre habe ich mit einem recht ausgewogenen Eindruck beendet. Es gab durchaus Charakteristika, die ich mir so in der ein oder anderen Art vorgestellt habe, anderes wiederum hat mich etwas 'überrascht' beziehungsweise hat mich die Lektüre noch einmal im Gesamteindruck reflektieren lassen.
Was mich vor allem zum Schluss tatsächlich besonders interessiert hätte, war das im Nachwort erwähnte Vorwort von Henry James selbst, welches er zu "Die Kostbarkeiten von Poynton" verfasst haben soll. Leider wurde dieses hier nicht mit abgedruckt. Einige, vielleicht auch die interessantesten Stellen wurden aber zumindest kurz erwähnt. 
Die Geschichte, rund um das Vierergespann Mrs. Gereth, Fleda, Owen und Mona, hat mich auf gewissen Ebenen sehr gut unterhalten, allerdings gab es auch hin und wieder einige 'Motivationseinbrüche' hinsichtlich des Lesens an sich. Es wird tatsächlich sehr deutlich, dass es zwei Hauptaspekte in diesem Roman gibt. Zum einen die auch im Titel erwähnten "Kostbarkeiten von Poynton", also die gesamte Thematik hinsichtlich des Ansehens, des Ruhms, aber auch der im späteren Verlauf stärker werdende Fokus auf die Beziehungen der vier Protagonisten untereinander. So werden auf der einen Seite die gesellschaftlichen Einflüsse dargestellt und auf der anderen Seite werden sehr psychologische Aspekte angesprochen, die sich aber nicht nur auf die Mutter-Sohn-Beziehung stützen, sondern auch darüber hinaus versuchen diesen Zwiespalt, in dem sich Fleda befindet, psychologisch zu betrachten und bestenfalls aufzulösen.

"Ein solches Haus nie besessen zu haben wäre besser gewesen, als es besessen zu haben und dann zu verlieren. Es war ihr widerwärtig, nach einer Lösung suchen zu müssen: Was für eine seltsame Beziehung zwischen Mutter und Sohn, wo keine grundlegende Zärtlichkeit herrschte, aus der unweigerliche eine Lösung entspränge!“  S.46

So sehr ich die Idee und auch die teilweise wirklich gute Umsetzung geschätzt habe, hatte ich an der ein oder anderen Stelle, Schwierigkeiten mit der Sprache (gegebenenfalls auch mit der Übersetzung, soweit man dies immer etwas differenzieren muss). Mir war durchaus bewusst, dass sich der Roman hinsichtlich seines frühen Erscheinungsdatums und der beschriebenden sozialen Stellung der Figuren auch auf eine andere Art und Weise 'ausdrückt', jedoch gab es für mich durchaus viele Stellen, an denen man die Formulierungen vielleicht doch hätte etwas moderner gestalten sollen, insbesondere allerdings gezielt bei den Dialogen. Es ist natürlich nicht gänzlich einfach dies unter dem Beibehalt der ursprünglichen Aussage umzusetzen, aber während des Lesens spürte ich doch eine gewisse Distanz zum Text, da man die ein oder andere auch längere Passage gerne überflogen hätte.
Dies heißt aber nicht, dass mich die Geschichte oder der Handlungsstrang grundsätzlich gelangweilt hätten, denn es gibt durchaus einen gewissen Reiz weiterzulesen.
Henry James beschreibt diese ständig wechselnden Besitztümer und Zuneigungen zu den Personen durchaus sehr unterhaltsam, wenn auch sicherlich überspitzt. Als Leser ist man dennoch ständig daran interessiert herauszufinden, was nun mit "Poynton" und den einzigartigen Gegenständen, die dort zu finden sind, passieren wird. Man sollte aber vielleicht keine allzu spektakulären Vorkommnisse erwarten, da sich die Handlung selbst sehr auf diese Zugehörigkeit der Kostbarkeiten stützt und dadurch tatsächlich einen größeren Blick für die persönlichen Interessen und Sehnsüchte der Protagonisten bereithält.

"Sie lief noch am Abend aus dem Haus und telegrafierte ihrer Schwester, und am anderen Morgen verließ sie London mit einem frühen Zug. Sie brauchte für diesen Schritt keinen anderen Grund als das Gefühl der Notwendigkeit. Es war ihr ein starkes persönliches Bedürfnis; sie wollte etwas zwischenhalten, und es gab nichts, was sie zwischenhalten konnte außer Entfernung, außer Zeit." S.180


Recht unterhaltsamer 'Familienstreit', der auf der einen Seite durch gewisse Überspitzungen und Komik besticht, sich andererseits aber auch mit einem Gespür für gewisse psychologische Einsichten beschäftigt. Die Figurenkonstellation sorgt für ständigen Wirbel und einen durchaus gelungenen Handlungsverlauf. Hin und wieder empfand ich die Sprachwahl, zwar keineswegs als 'eingestaubt', aber doch etwas ermüdend, was dem Gesamteindruck aber nur etwas geschmälert hat.
























Vielen Dank an den Manesse Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


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