Lily und der Oktopus von Steven Rowley

Mai 04, 2017








(Original: "Lily and the Octopus" / 2016) Goldmann Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Sibylle Schmidt (aus dem Amerikanischen), 352 Seiten, gebunden,  ★★(☆) 4 bis 5 Sterne 
"Lily lebt seit zwölf Jahren in Los Angeles. An der Seite des Drehbuchautors Ted hat sie eine großartige Zeit verbracht. Viele Abenteuer haben die beiden gemeinsam bestanden, so manche Herausforderung gemeistert, und nichts konnte sie je voneinander trennen. Lily ist eine Dackeldame, und sie ist die witzigste und charmanteste Begleiterin, die es für Ted nur geben kann. Doch dann wird Lily schwer krank – und auch wenn Ted weiß, dass er kaum eine Chance hat, zieht er in den Kampf gegen seinen ärgsten Feind: den Tod, der sie bedroht. Ted und Lily begeben sich auf ihre letzte große gemeinsame Reise – und Ted begreift, dass die Liebe uns mitunter allen Mut abverlangt, den wir haben ..."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Dem ungeübten Ohr würde nichts Ungewöhnliches auffallen. Aber ich kenne Lily so gut, wie man ein anderes lebendes Wesen nur kennen kann, und ich höre den unterschied. Das Seufzen ist nicht entspannt, sondern irgendwie mühsam. Lily macht sich Sorgen und trägt eine Last mit sich herum.“  S.15f.

Bekanntlich hat man ja bereits vor Beginn des Lesens eines Buches gewisse Vorstellungen, wie es geschrieben sein könnte, wie die Figuren charakterisiert werden. Ich muss zugeben, dass ich mir von dieser Geschichte zwar nicht viel erhofft habe, aber dennoch das Gefühl hatte, dass es vielleicht Potential hat. Schnell habe ich festgestellt, dass ich alle meine "Vorurteile" über Bord werfen musste (in passender Anlehnung an den Inhalt). 
Das Buch zeichnet sich tatsächlich durch so viel mehr aus, als eine einfache Freundschaftsgeschichte zwischen Mensch und Hund. Natürlich ist dieser Aspekt ein sehr wichtiger, der das Buch dominiert, aber durch die sehr bildhaften Elemente, wirkt die Geschichte wie ein ganz eigenes Genre. Es bezieht die klassischen, menschlichen Beziehungen mit ein, es thematisiert die Aufarbeitung gewisser Probleme und deren Umgang in einer psychologischen Sitzung, wie aber auch die Tatsache, dass man gewollt ist, schwierige Lebenssituationen als traumartige Sequenz zu erleben, um sich nicht schutzlos ausgeliefert zu fühlen. Ich muss ehrlich sagen, dass mich viele Teile des Buches sehr überrascht haben. So stößt man hier nicht auf eine kitschige Geschichte, die diese Verbindung zwischen Mensch und Haustier wie gewöhnlich darstellt, sondern eher auf eine Geschichte, die recht ernst ist, aber immer einen Hoffnungsschimmer in greifbarer Nähe positioniert, wie ein lebensrettender Rettungsring.
Die Atmosphäre war für mich ebenfalls ganz anders als erwartet. Sie ist nicht bitterernst, versprüht durchaus Ironie und Charme, aber es schwingt immer dieses Gefühl mit, dass es eben auch Dinge aufgreifen möchte, die sich durch eine ernstere Herangehensweise auszeichnen. Vor allem auch aufgrund der Einfälle des Autors in Hinblick auf die Abenteuer die Ted und Lily erleben.

"Ich erkenne das Zitat auf Anhieb. ´Peter Pan.´

            ´J.M. Barrie´, korrigiert Kal. ´Peter Pan gibt es nicht.´

´Ach nein? Ich dachte immer, er sei der Tod. Ein Todesengel, der kam, um die Kinder zu holen.´“  S.213

So war insgesamt auch die Darstellung des Protagonisten und seines Lebens für mich eine recht große Überraschung. Zu Beginn muss man sich erst etwas einfinden, weil "Ted" zunächst den Anschein macht, als sei alles, was er schildert die pure Wirklichkeit. In gewisser Hinsicht und in Anbetracht der metaphorischen Anspielungen, die seine Gefühlswelt aufzeigen, ist dies auch sicherlich so. Als Leser muss man sich aber eine Art Zwischenwelt suchen, um die tatsächlichen Gegebenheiten herausfiltern zu können. Dabei behilflich ist aber sein überschaubares Umfeld, das sich durch gezielte Aussagen oder Andeutungen auf seine Lage bezieht. 
Ich fand es interessant zu sehen, wie schnell man sich aber auf diese Erzählweise einlässt. Man merkt mit der Zeit, in welche Richtung sich Ted entwickelt und in wie weit dies Auswirkungen auf die Beziehung zu Lily hat. 
"Lily" als Charakter ist ebenfalls wunderbar umgesetzt. Diese spielerische Verwendung der Dialoge zwischen den beiden, also auch das direkte Antworten von Lily auf Teds Fragen und Äußerungen, wie auch deren "Spieleabende" zeigen für mich ganz gut auf, wie innig die Beziehung zwischen Mensch und Haustier, oder besser gesagt, tierischem Freund sein kann. Vieles scheint zunächst etwas unglaubwürdig und offensichtlich imaginär. Aber in allen Abläufen habe ich immer diese Instanz gespürt, die aufzeigen soll, dass sich Einsamkeit manchmal auf andere Weise bemerkbar macht.
Und natürlich bleiben, trotz der abenteuerlichen Ereignisse, die man erst einordnen muss, die Gefühle ebenfalls nicht auf der Strecke. Auch wenn Hundesympathisanten hier sicherlich stärker mitfühlen, werden glaube ich auch alle anderen Leser nicht ungerührt zurückbleiben.

"´Du wirst dich verlieben´, sagt Lily. Und dann fügt sie noch hinzu: ´Ich verspreche es dir.´ Eine Sternschnuppe schießt über den Himmel, und ich deute darauf und schreie: ´Schau!´Aber Lily guckt nicht schnell genug und sieht sie nicht." S.248

Gefühlvolle Geschichte, die sich mit der innigen Freundschaft zwischen Mensch und geliebten "Haustier" auseinandersetzt. Gleichzeitig spielt der Roman mit Metaphern und bildhaften Traumsequenzen, sodass die Geschichte nicht nur an die Gefühle des Lesers appelliert, sondern sich auch mit Themen wie der Einsamkeit und dem Verlust auseinandersetzt. Für mich eine kleine Überraschung, weil in dem Buch wirklich viel mehr steckt, als zunächst angenommen. Versprüht nicht immer zwangsläufig nur Heiterkeit, aber spielt mit humoristischen Akzenten.























Vielen Dank an den Goldmann Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Kommentare:

  1. :D :D :D
    Ich habe die Dialoge zwischen Lily und Ted geliiiiebt, die waren einfach so herrlich lustig und gleichzeitig irgendwie so "realistisch" Hund. Der ganze Part mit der Seefahrt hat mich auch erst ganz schön überrascht, der war ja dann doch irgendwie sehr metaphorisch (oder auch nicht?) und episch. Ich find's außerdem so schön, dass es Lily wirklich gegeben hat <3

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    1. Die Dialoge kann man sich glaube ich vor allem als Hundebesitzer sehr gut vorstellen! :) Da ich mir sogar immer schon überhaupt vorstelle, dass ich irgendwann mal einen Hund habe... kann ich die Unterhaltungen gut nachvollziehen. :D

      Das stimmt! Wenn man die Geschichte oder die Verbindung zum Autor hinzuzieht, dann ist das Buch natürlich noch umso herzzreißender!


      Liebe Grüße
      Karin

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