Wem erzähle ich das? von Ali Smith

April 06, 2017


(Original: "Artful" / 2012) Luchterhand Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Silvia Morawetz (aus dem Englischen), 224 Seiten, gebunden★★(☆) 4 bis 5 Sterne 

„Wenn Ali Smith die Regeln des Erzählens erklärt, entfalten sich Geschichten. Ihre Vorlesungen über Literatur sind eine Liebesgeschichte, wie sie noch keiner je gehört hat – eine Geschichte zweier Liebender ebenso wie die Geschichte der Liebe des Menschen zur Kunst und was sie für unser aller Leben bedeutet.“


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Ein volles Jahr und ein Tag mögen als kurze Zeit durchgehen, aber dreißig Jahre? Wie konnte es sein, dass mir dreißig Jahre vorkamen wie ein bloßer Wimpernschlag?" S.16

Wenn man als Leser selbst Literatur studiert, oder genauer gesagt das Studienfach "Komparatistik" und man ein Buch wie dieses entdeckt, das Vorlesungen zu genau dieser Richtung beinhaltet, dann schlägt das Literatur-Herz ein wenig höher. Zugegeben, an der ein oder anderen Stelle habe ich mir die Frage gestellt, ob das Buch wirklich so ein großes Publikum ansprechen würde, da es in sich sehr verschachtelt ist, was die verschiedenen Bezüge zu anderen Büchern anbelangt. Die Intertextualität steht hier sicherlich sehr stark im Vordergrund, so kommen zwar vor allem sicherlich Germanistik oder Komparatistik Studenten auf ihre Kosten, aber dennoch bietet das Buch darüber hinaus auch weitaus mehr und das auch für Leser, die sich einfach von einer ganz eigenen Art von Text inspirieren lassen möchten.
Obwohl der Text hauptsächlich aus den Auszügen der Vorlesungen besteht, ist er auch zum Großteil Fiktion, der zwei Protagonistinnen einbaut, die zu dem Zeitpunkt auf ganz spezielle Art und Weise "kommunizieren". Der Leser wird dazu aufgefordert deren Logik zu folgen und sich so Schritt für Schritt an unterschiedliche, aber dennoch zusammengehörende Themen anzunähern, die zwar literarisch geprägt sind, die aber auch ganz natürliche Fragen des Lebens beantworten. Abwechselnd gibt es also die Annäherung an die fiktive Handlung, wie aber auch die Annäherung an die Vorlesungen. Was mich persönlich sehr interessiert hat, waren natürlich auch die vielen Textbezüge, die aufgeführt werden. Zentrales Werk ist hier aber wohl "Oliver Twist" von Charles Dickens, welches alle Kapitel mit einander verbindet. Zusätzlich zu den Kapiteln gibt es im Innenteil eine kleine Auswahl an Bildern, die etwas die Stimmung des Textes einfangen. Sie sind zeitlos, träumerisch und auch surreal, für mich eine ganz gut getroffene Darstellung dessen, was man auch von dem Text erwarten kann. Beinhaltet sind, die auch als Kapitelüberschriften gewählten Themen wie "Zeit", "Form" oder "Ränder", die nicht nur auf literarische Weise untersucht werden, sondern eben auch auf menschliche.

"Du gehst zu deinen Bücherregalen (wir sind da noch nicht zusammengezogen, haben noch nicht getan, was das größte Versprechen überhaupt ist: unsere jeweiligen Bücher in eine gemeinsame Bibliothek zu überführen), ziehst ein schmales Bändchen von Jane Austen heraus, schlägst es auf und blätterst, bis du das Gesuchte findest.“  S.27f.

Was die Sprachwahl angeht, war ich größtenteils sehr positiv überrascht, wahrscheinlich aber auch durch den fiktiven Teil, mit dem ich zu Beginn gar nicht gerechnet hatte. Es werden ebenfalls sehr viele Gedichte und Textstellen anderer Autoren angeführt, die natürlich den literaturwissenschaftlichen Aspekt wunderbar abdecken. Einige Gedichte sind sogar, was mir sehr gefallen hat, auch in der Originalsprache sprich Englisch abgedruckt. Bei den anderen wurde, meiner Meinung nach, viel Wert darauf gelegt, dass die Verbindungen zu gewissen Anspielungen gut verständlich sind und auch aufgegriffen wurden. Sind demnach englische Begriffe für ein weiteres Verständnis ausschlaggebend, werden diese auch in der bestmöglichen Form, sei es auch in Klammern, genannt. 
Mein einziges Kriterium an dem Buch waren wirklich Kleinigkeiten, die ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht in einen logischen Einklang bringen konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch von der Übersetzung gewollt war, weil es dem Originaltext entspricht, oder ob es schlichtweg Flüchtigkeitsfehler sind, aber sie haben dem Text oftmals das Gefühl einer Unverständlichkeit verliehen. Ein Beispiel wäre zum Beispiel dieser Satz: "Du tratst in das Zimmer, als wärst du blind, hinter dir eine Spur aus grobkörnigem Zeug, sehr ähnlich dem, was ich in der Hand hatte, als wir alle dabeistanden und ich die Urnevoll du auf der alten Römerstraße im Wald bei dem Weg mit den Buchen verstreute, kamst noch weiter herein und bliebst vor deinem alten Schreibtisch stehen [...]" (S.23). Oder auch der Satz: "Die Phantasie weiß genau, was die Stunde geschlagen hat." (S.57). Kurz habe ich überlegt, ob ich da tatsächlich etwas nicht im Zusammenhang des Textes verstanden habe, wobei sich mir der Kontext beim ersten Beispiel in dieser Schreibweise auch nach mehrmaligem Lesen nicht erschließt und beim zweiten das "was" wohl durch ein "wann" vertauscht wurde, was auch durch das jeweilige Kapitel, das sich "Zeit" nennt eigentlich auch sinnvoller wäre. Wie dem auch sei, haben sich diese hin und wieder kleinen Stellen nicht zu negativ auf den allgemeinen Eindruck des Buches niedergelassen, denn ich finde die "Machart" des Ganzen wirklich sehr gelungen. Ali Smith schafft es hier einen literarischen Zauberwürfel zu erschaffen, der bei jedem Drehen neue Seiten ans Licht bringt und sich durch die immer wieder aufgebrochenen Sequentzn von Fiktion und Essay wunderbar ergänzt.

"Wir behandeln Bücher heute mit überraschender Lässigkeit. Wir kämen nicht auf die Idee, dass wir ein Musikstück bereits beim ersten Mal verstehen, glauben bei einem Buch aber nur zu gern, wir hätten es gelesen, wenn wir einmal damit durch sind." S.43


Äußerst gelungener Text, der die Grenzen zwischen Fiktion und Essays verschwimmen lässt und trotzdem einigen Prinzipien treu bleibt. Die Kapitel bauen aufeinander auf, thematisieren aber gezielt einen bestimmten Aspekt in literarischen Werken, wie auch darauf bezogen, im Leben der Menschen. Für mich eine ganz neue Spielerei mit der bereits bestehenden Literatur, dem geschriebenen Wort an sich und der Imagination des Lesers.



Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

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