Alles, was ich nicht erinnere von Jonas Hassen Khemiri

März 27, 2017









(Original: "Allt jag inte minns" / 2015) DVA Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Susanne Dahmann (aus dem Schwedischen), 330 Seiten, gebunden,  ★★★★() 4 bis 5 Sterne 

„Welchen Preis zahlen wir, um nicht allein zu sein? Samuel hat so viele Gesichter, wie ihn Menschen kennen. Nun lebt er nur noch in der Erinnerung aller, und jeder erinnert sich anders an diesen schmächtigen jungen Mann, der ein fürsorglicher Enkel, großzügiger Freund und hingebungsvoller Liebhaber war – bis zu jenem Tag, an dem er den alten Opel seiner Großmutter in voller Fahrt gegen einen Baum lenkt. War es ein Unfall oder Selbstmord? Die einen sagen, dass Samuel sich hat rächen wollen an seiner großen Liebe Laide, die sich nun immer an ihn erinnern muss. Die anderen sagen, dass das alles nie passiert wäre, hätte sich Samuels bester Freund, der geldgierige Vandad, nicht eingemischt. Was nur ist tatsächlich passiert?“


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Er hat eine Hand gehoben und sich leicht auf die Wange geschlagen, als wollte er sich wecken oder vielleicht trösten." S.15

Das Buch hat mich auf den letzten Seiten schon fast wahnsinnig gemacht. Ich weiß gar nicht, ob es positiv oder negativ war. Die Spannung steigt einfach ins unermessliche, weil man scheinbar dem ganz großen Finale bevorsteht. Es ist tatsächlich so, dass mich das Buch so in den Bann gezogen hat, als sei es ein wahnsinnig guter Thriller oder Krimi. Dabei spiegelt es eigentlich „nur“ das normale Leben wieder. Es geht um Familie, Liebe, Verrat, das Verlassen werden, aber auch um sehr politisch aktuelle Themen wie Ausländerfeindlichkeit oder auch Ausländerfreundlichkeit. Dennoch entwickelt sich diese Spur, der man folgt, um mehr über Samuel zu erfahren, zu einer nervenaufreibenden Schnitzeljagd. Denn von Samuel selbst lesen wir nichts. Alles, was wir an Informationen bekommen, sind Aussagen seiner engsten Freunde und Verwandten. Zu Beginn war ich etwas ratlos, wer nun was sagt. Schnell spielt sich das aber ein. So bleibt ein Erzählstrang stets konstant; nämlich der von Vandad, seinem besten Freund. Er ist immer Teil des Sprechakts. Abwechselnd dazu, treten Aussagen von anderen Freunden auf. Mit der Zeit wird es einfacher, die Unterschiede zu ziehen. Vandad hat eine sehr wiedererkennungsfähige Sprachweise, die etwas an einen „Straßenjargon“ erinnert. Andere Passagen klingen aber hin und wieder doch stark nach guter Literatur und machen das Buch dann eben nicht nur inhaltlich spannend, sondern auch sprachlich. Was mich sehr stark an dem Buch angesprochen hat war zudem die Intention, dass der Leser selbst entscheiden muss, welchen Aussagen und Personen er vertraut und sich so sein Bild über Samuel und die Sachverhalte ergibt. Mein einziges Manko ist die Tatsache, dass ich es nicht leiden kann, wenn in Büchern mittlerweile „gucken“ als „kucken“ übernommen wird, was hier der Fall ist. Für mich sieht es einfach falsch aus. Aber natürlich entwickelt sich alles irgendwann weiter.

"Wenn ich da und dort alles hätte abwenden können, dann hätte ich es getan. Ich hatte ein mieses Gefühl. Aber die Flipperkugel des Schicksals rollte, und nichts konnte sie aufhalten.“  S.118

Die Art und Weise wie der Autor mit den Identitäten des Protagonisten spielt, fand ich wirklich gut gelungen. Es zeigt, dass scheinbar immer noch eine „Macht“ davon ausgeht, wie andere uns sehen und wahrnehmen und wie schmerzlich es sein kann, wenn man sich nicht einmal selbst sicher ist, wer man ist. Obwohl man manchmal von den skurrilen Figuren eingenommen wird und vieles als nur unterhaltsam ansieht, bei mir war es zum Beispiel die Freundschaft und die „Erfahrungskonten“, die Samuel mit der „Pantherin“ versucht aufzuholen, steckt deutlich mehr in der Erzählung. Wie gesagt, für mich war es rein sprachlich zunächst nicht überwältigend, aber ein Buch, das einen so fesselt, dass man nicht aufhören kann zu lesen und das schöne Impulse sendet, um über gewisse Dinge nachzudenken, ist ebenso viel wert. Ich mochte auch die Ansätze bezüglich der hoch aktuellen Gespräche bezüglich der Emanzipation. Ist sie nur ein Schein-Phänomen in unserer Gesellschaft? Sind Frauen wirklich so emanzipiert, wie sie es von sich selbst immer behaupten? Schnell wird auch hier deutlich, dass man alles zu streng und zu lasch sehen kann. Schön fand ich aber zu lesen, dass man nie stur hinter einer Ideologie stehen sollte, denn ein gesundes Gleichgewicht entscheidet über den Erfolg gewisser Entwicklungen. Auch die Erwähnung der multikulturellen Einflüsse in Berlin und Schweden kommen gut zum Ausdruck, was nicht immer positiv assoziiert wird. Mein „Problem“ kam erst am Ende ein wenig zum Vorschein, als versucht wurde vieles aufzulösen. Ich stand plötzlich überwiegend im Dunkeln und wusste gar nicht, wie ich nun den Initiator, den Autor, der die Freunde befragt, einordnen sollte. Das ganze ist wie ein Interview aufgebaut, bei dem aber keine Korrekturen vorgenommen wurden, heißt: auch wenn die Figuren sagen, man solle die Aussage bitte streichen, wird sie dennoch wiedergegegen Es hatte definitiv seine Wirkung, weil der Kopf dann beginnt oder versucht, alles bisher Gelesene erneut aufzurufen und in einen Kontext zu bringen und man sich so fast wie der Protagonist fühlt. Aber irgendwie hat es auch dazu geführt, dass ich den Faden zum Schluss ein wenig verloren habe und absolut nicht mehr wusste, ob es da hinsichtlich des Autors, der das Interview führt, eine versteckte Botschaft. gab.

"Sagen wir, jemand steht auf einer Silvesterparty und will was erzählen, dann sind solche Leute wie Laide sofort da und finden irgendwelche Fehler. Sie sagen: Was meinst du damit, dass Asiaten ´krass gut darin sind, zu lernen?´ Wie kannst du behaupten, Frauen wären schwächer als Männer - es gibt schließlich total starke Frauen? Und warum verwendest du das Wort ´man´, das ist zwar die dritte Person Singular für Mensch, aber gleichzeitig steht es doch nur für Menschen mit Penis, deshalb ziehe ich das geschlechtsneutrale ´du´vor. Schon klar, wie populär so eine Person auf einer Party ist." S.151f.


Für mich war das Buch seltsamerweise von allem ein wenig. Spannungsgeladene Schnitzeljagd nach einer Identität, nachdenkliche Rede über unsere heutige Gesellschaft und wie sie zu Emanzipation und Fremdenfeindlichkeit /-freundlichkeit steht und die Frage nach dem eigenen Glück. Wer sind wir und was macht uns zufrieden? Und natürlich steht auch das „Vergessen“ im Mittelpunkt, das sich wie eine Hülle um den Protagonisten schmiegt. Für mich gab es zwar kleine Schwachstellen, aber dennoch eine gelungene Geschichte.



 Vielen Dank an den DVA Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen