Neuerscheinungen Juni

Mai 19, 2017







Je weniger Zeit man hat, desto gezielter sucht man irgendwie wirklich nach Büchern, die einen am meisten interessieren würden. So geht es zumindest mir. Obwohl sich die Anzahl der Neuerscheinungen zwischen dem Frühjahrsprogramm und dem Herbstprogramm generell etwas zurückhält, neige ich dazu, mir nur die Bücher zu merken, die ich neben dem Unistress tatsächlich schaffen würde. Dieses Jahr hat mich vor allem der Manesse Verlag mit seiner Auswahl neugierig gemacht, daher landen auch drei Bücher auf der Liste. Insgesamt sind es dann aber vorerst auch nur sechs Neuerscheinungen geworden, die meine Aufmerksamkeit für den Juni auf sich ziehen konnten.

Wie gewohnt landet ihr durch Anklicken des Titels direkt auf die Verlagsseite und erhaltet Informationen zum jeweiligen Buchtitel.

"Wein und Haschisch" von Charles Baudelaire, Manesse, gebunden, 13. Juni
"150. Todestag am 31. August 2017 Wer Charles Baudelaire ausschließlich als Verfasser der dunkel-brillanten Gedichte aus «Die Blumen des Bösen» kennt, lässt sich ein wahres Lesevergnügen entgehen." Ehrlich gesagt kenne ich selbst diese Gedichte nicht, dennoch hat mich das Buch sehr neugierig gemacht. Hier werden zudem keine Gedichte, sondern Essays angeführt, die sehr vielseitig wirken. Ist sicherlich eines der meistersehnten Bücher im Juni für mich. Nicht zu verachten: Die sehr schöne Gestaltung!

"Die Kostbarkeiten von Poynton" von Henry James, Manesse, gebunden, 26. Juni
Ebenfalls aus dem Manesse Verlag kommt dieses Buch. Henry James zählt ja zu den gefeierten Klassikern, unteranderem durch "Washington Square". Wie immer, wollte ich bereits unzählige Male etwas von ihm lesen, vielleicht wird dies ja dann das erste Buch sein.

"Die Bucht, die im Mondlicht versank" von Lucy Clarke, Piper, Broschur, 02. Juni
Etwas zwiegespalten bin ich bei Lucy Clarke. Ich mochte eigentlich ihren Roman "Der Sommer, in dem es zu schneien begann", aber die große Lust ihre folgenden Bücher zu lesen hatte ich bisher nicht. Diesmal hört sich der Klappentext aber ganz gut an, daher landet das Buch auf meinem Merkzettel.

"Das Licht zwischen den Wolken" von Amy Harvany, blanvaet, gebunden, 26.Juni
Ein nachdenklicher und (hoffentlich) gefühlvoller Roman musste auch mal wieder auf meine Liste. In letzter Zeit fällt es mir zwar etwas schwerer, in diesem Genre wirklich gute Bücher zu finden, weil mir vieles plötzlich so "platt" erscheint, aber ich gebe dennoch jedem interessanten Buch eine Chance.

"Boston" von Upton Sinclair, Manesse, gebunden, 19. Juni
"Glamour, Jazz und endlose Partys: Das waren die Roaring Twenties. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit – Upton Sinclair zeigt uns die ganze." Ein Buch, das mich mal wieder ziemlich schnell in den Bann gezogen hat und das allein durch seine Beschreibung. Sicherlich ist es perfekt, um sich der Atmosphäre etwas länger hinzugeben, denn beinahe 1.100 Seiten umfasst das gute Stück. Interessiert bin ich eigentlich durchaus sehr stark, allerdings lässt mich die Länge noch ein wenig zurückzucken, da noch einige andere Bücher gelesen werden wollen.

"Val Di Non" von Oswald Egger, Suhrkamp, gebunden, 13. Juni
Allein schon der Anfang "Ist es möglich, einen Berg zu denken, zu dem das Tal fehlt? Wenn man sich Gott und die Welt vorstellen kann, kann man sich z. B. nicht Gott ohne die Welt vorstellen: Was einem vorschwebt, von A bis Z, erscheint oft realer als das, was vor Augen bloß irritiert." hat mich gepackt. Ich liebe ja etwas skurril scheinende Bücher, daher warte ich ganz gespannt auf dieses Buch. Auch interessant: "In Oswald Eggers Val di Non wird man fabelhaft wandern oder einfach nur spazieren gehen. Ein Buch, reich bebildert und illustriert mit zig Einstiegen und auch Verstiegenheiten, mit stillen Verstolperungen hinein in eine unfassbare Fundlandschaft aus Wunderbarem: Wie das wohl sein wird – gelebt zu haben, ohne gewesen zu sein."
Für schöne Illustrationen bin ich ebenfalls immer zu haben. Das Buch ist auch eines meiner Favoriten für den Juni.



Für dich würde ich sterben von F. Scott Fitzgerald

Mai 17, 2017








(Original: "I´d Die for You" / 2017) Hoffmann und Campe Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz (aus dem Amerikanischen), 496 Seiten, gebunden,  ★★ 4 Sterne 
"Eine literarische Sensation. Neu entdeckte Erzählungen von F. Scott Fitzgerald. Der Traum von Ruhm und Geld, das Streben nach persönlichem Erfolg, die Mystifikation der Frau und der Liebe, rauschende Partys, Höhenflüge und Abstürze ins Bodenlose – das waren die Themen seines Lebens und seines Werks. Am Ende hatte F. Scott Fitzgerald, der umschwärmte Erfolgsautor, sein Publikum verloren. Kaum einer erinnerte sich an ihn, einen der bestbezahlten Story-Schreiber der zwanziger Jahre. Und kaum eine Zeitschrift wollte seine Erzählungen drucken. Man erwartete noch immer Geschichten über junge Liebende von ihm. Aber Fitzgerald wollte sich nicht beschränken. Änderungsvorschläge lehnte er meist ab. So blieben viele Erzählungen bis heute unveröffentlicht. Nun erscheinen sie endlich: 14 abgeschlossene Storys, drei Filmskizzen und ein Fragment – im unnachahmlichen Fitzgerald-Ton. Eine literarische Wiedergutmachung. "


MEINE MEINUNG | FAZIT

"´Früher habe ich Sie für einen Gentleman gehalten´, sagte Mrs. Caldwell.
     
       ´Ich mich auch - muss mich geirrt haben.´ “  S.164

Schriftsteller wie F. Scott Fitzgerald zählen zu den Klassikern schlechthin. Neu entdeckte Erzählungen zu lesen sind daher meist eine etwas knifflige Angelegenheit. Man erwartet Großes, weiß aber auch, dass sich solche Fundstücke schnell als überschätzt herausstellen können. Als ich die erste Erzählung begonnen habe zu lesen, habe ich mich also darauf eingelassen auch enttäuscht werden zu können. Dennoch muss ich sagen, dass mich die Erzählungen gut unterhalten haben.
Vielleicht auch hilfreich zu erwähnen, dass ein recht ausführlicher Anhang (knapp hundert Seiten) angefügt wurde, der gewisse Bezeichnungen, Namen oder andere Dinge erläutert, die für die Geschichten nützlich sein können. Der Anhang zeigt aber auch noch einmal auf, in welcher Lebensphase sich Fitzgerald zu der Zeit, als die Erzählungen entstanden sind, befand. Ich persönlich finde solche Zusatzinformationen beinahe genauso spannend, wie die Erzählungen an sich. Dadurch lassen sich nämlich die Fundstücke in einen etwas größeren und persönlicheren Kontext bringen.
Mich hat überrascht, dass die Erzählungen dennoch alle in dieselbe Richtung gehen. Viele Protagonisten haben ärztliche Eigenschaften und auch das Thema "Liebe" steht natürlich irgendwie immer im Fokus. Dafür war Fitzgerald ja auch sehr bekannt. Mir gefiel aber auch der Hinweis in den Anhängen, dass die Erzählungen auch zunehmend ironische Komponenten aufgreifen und der Autor damit gewisse Ansichten seiner Gesellschaft in Frage stellt oder auch kritisch darstellt.

"´Mädchen müssen auf eine Gelegenheit warten´, sagte er plötzlich. ´Männer müssen sich ihre Gelegenheiten selbst schaffen, hat mein Lehrer immer gesagt.´“  S.184

Für mich ist es tatsächlich so, dass ich gar nicht viel über die Erzählungen sagen kann. Und man will auch teilweise gar nicht so viel darüber verlieren, weil sich das Interesse auch allein auf das Lesen ausbreitet. Es macht einfach "Spaß" sich den teilweise einfallsreichen Handlungssträngen und Ideen von Fitzgerald hinzugeben und sich von den wechselnden Figuren verzaubern zu lassen. Einige Texte sind länger und haben etwas Träumerisches an sich, wie man es von anderen Geschichten her schon kennt, andere wiederum greifen wie gesagt unterhaltsamere Töne auf. Grundsätzlich fand ich es aber auch sehr passend, dass der gesamte Band "Für dich würde ich sterben" benannt wurde. Nicht nur, weil mir die Erzählung, die den gleichen Namen trägt, unteranderem am meisten gefallen hat, sondern auch weil alle Geschichten tatsächlich auf irgendeine Art und Weise auf diesen Satz zurückzuführen sein könnten. Ja, die Liebe die zieht hier mal wieder alle Register. 
Dennoch findet man auch Fragmente, die sich eher wie ein Drehbuch lesen. Auch hier wird wieder (im Anhang) eine Verknüpfung zu seiner privaten Schaffenskrise gezogen, was einfach ein vielleicht nicht komplett neues, aber dennoch erweitertes Bild des Autors erschafft. Einige Erzählungen oder auch übernommene Ausrücke fand ich vielleicht etwas unangemessen, denn Begriffe wie "Neger" wurden in der Übersetzung nicht an die heutige Sprachwahl angeglichen, da muss wohl jeder für sich selbst einschätzen können, in wieweit die Originalform interessant erscheint und diese beibehalten werden sollte. Tatsächlich aber verliert man sich ein wenig in den Erzählungen und ich finde, man hat sie viel zu schnell ausgelesen, was im Nachhinein natürlich ein sehr positiver Eindruck ist.

"´Ich bin nicht betrunken, wirklich nicht, aber er hat mir mit allem Drum und Dran das Herz gebrochen, und die Symptome sind in etwa die gleichen.´" S.270

Erzählungen eines großen, wenn auch kritisierten Schriftstellers, die man mit Vergnügen liest. Hauptthema scheint hier deutlich wieder die Liebe zu sein, dank reichlicher Informationen im Anhang erfährt man aber näheres über eventuelle ironische Bemerkungen oder private Zusammenhänge. Mich haben die Geschichten wunderbar unterhalten, wenn es auch oftmals an Kleinigkeiten oder gezielten Textpassagen oder Aussagen der Protagonisten lag, die das Ganze "besonders" gemacht haben. Für Fans des Autors sicherlich empfehlenswert, aber auch für Leser, die sich für Erzählungen interessieren, die recht einfallsreich sind und eine spezielle amerikanische Lebensphilosophie thematisieren.

























Vielen Dank an den Hoffmann und Campe Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Currently reading: Nabokov, Fitzgerald, Dickinson

Mai 13, 2017





Dass ich Bücher parallel lese, ist eigentlich eine wirkliche Seltenheit. Ich bin schlecht darin, die gelesenen Romane,  Gedichte oder Erzählungen dann komplett voneinander zu trennen. Schnell merke ich dann, dass ich überlegen muss, ob dieses eine Zitat, das hängen blieb nun in diesem oder einem anderen Buch geschrieben stand.
Ab und zu passiert es aber, dass man auch durch die Uni mehrere Bücher gleichzeitig lesen muss. Dieses Semester ist es bei mir deutlich stärker vertreten und daher hat sich ein kleiner "Currently reading" Beitrag angeboten.

Als Hauptlektüre für ein Seminar habe ich mich zu Vladimir Nabokovs "Lolita" hinreißen lassen. Es ist ein Klassiker und er stand auch schon immer auf meiner "Würde ich gerne lesen"-Liste, bis jetzt habe ich das aber wie immer etwas aufgeschoben. Nun bin ich mittlerweile schon bei der Hälfte angekommen und kann durchaus die vielen Stimmen zu dem Buch nachvollziehen. Beginnend von der recht großen Kritik hinsichtlich des eigentlichen Themas, wie aber auch der gekonnten und stark präsenten Intertextualität des Romans. Genau dieser Aspekt wurde auch bereits etwas im Seminar angesprochen. Bezug genommen wird durchaus auch auf Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Nicht überraschend also, dass auch dieses Buch bei mir eingezogen ist und ich es nach "Lolita" beginnen möchte.

In anderen Seminaren stehen ebenfalls interessante Lektüren auf dem Plan, wie zum Beispiel Thomas Melles "Die Welt im Rücken" oder Wolfgang Herrendorfs "Arbeit und Struktur". Begonnen habe ich damit zwar noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass sich auch da ein Parallel-Lesen nicht verhindern lassen wird.

Ansonsten habe ich abseits der Uni noch mit zwei weiteren Büchern begonnen. Zum Beispiel auch mit F. Scott Fitzgeralds "Für dich würde ich sterben". Wirklich weit bin ich hier noch nicht, denn lediglich die erste Erzählung habe ich bisher geschafft, aber diese hat mir schon ganz gut gefallen. Sollte sich der Stil der Erzählung auch in den nächsten Geschichten fortsetzen, wird mich die "Neuentdeckung" sicherlich nicht enttäuschen.
Nebenbei lese ich dann immer mal wieder kurz vor dem Einschlafen die ausgewählten Gedichte von Emily Dickinson. Allerdings bin ich hier wieder einmal etwas zu blauäugig an die Sache herangegangen. Selbst bei deutschen Gedichten brauche ich immer schon etwas mehr Zeit, um wirklich die Intention dahinter zu verstehen und die ganzen Metaphern einzufangen. Bei den englischen Gedichten dauert es also natürlich noch etwas länger. Zudem schlage ich die Interpretation dazu noch zusätzlich im Internet nach, weil mir einige Zeilen nicht schlüssig sind. Das kleine Buch wird mich also sicherlich noch eine ganze Weile begleiten. Die Gedichte einfach runterzulesen und sich anschließend zu fragen, was man da eigentlich gelesen hat finde ich eindeutig zu schade. Ich merke aber, dass mir die Erzählweise der Gedichte sehr zusagt. Sie haben einen recht "leichten" Ton, thematisieren aber durchaus auch ernstere Themen.

Lest ihr die Bücher lieber nacheinander oder braucht ihr die mehrere Lektüren und die Unterschiede der jeweiligen Bücher, um euch nicht zu "langweilen"?



Unvollkommene Verbindlichkeiten von Lena Andersson

Mai 10, 2017






(Original: "Utan personligt ansvar" / 2014) Luchterhand Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Gabriele Haefs (aus dem Schwedischen), 382 Seiten, gebunden,  ★★(☆) 4 bis 5 Sterne 
"Nichts ist komplizierter als die Beziehung zwischen Mann und Frau. Das muss auch Ester Nilssons feststellen, Mitte dreißig und von Beruf Journalistin und Dichterin. Fünf Jahre sind vergangen seit ihrer unglücklichen Liebesbeziehung mit dem Künstler Hugo Rask, und Ester hat sich vorgenommen, dass ihr so etwas nie mehr passieren wird: einen Mann zu lieben, der sich nicht festlegen und ganz zu ihr bekennen will. Dann trifft sie bei einer Theaterprobe den Schauspieler Olof und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Olof macht kein Geheimnis daraus, dass er verheiratet ist. Trotzdem trifft er Ester. Die beiden gehen eine Beziehung ein, von der Olof behauptet, es sei keine. Er hat schließlich nicht vor, seine Frau zu verlassen. Also worauf wartet Ester?"


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Ester Nilsson hatte psychologischen Realismus angestrebt, und ihrer Ansicht nach war ihr das auch gelungen, aber die Kritik bezeichnete ihr Werk als Absurdismus.“  S.8

Man muss Lena Anderssons Roman "Widerrechtliche Inbesitznahme" zwar nicht zwingend kennen, um diesem Roman folgen zu können, aber es bringt den Vorgänger auf ein neues Level. Das Buch thematisiert eine neue Liebe der Protagonistin Ester Nilsson, wobei das Wort "Liebe" hier eine ganz eigene Dynamik und Bedeutung bekommt. 
Der Leser folgt einem verzwickten Spiel, das beide Partner spielen. Wie bereits in der Inhaltsangabe angedeutet, liegt das Problem dieser Beziehung darin, dass Olof, Esters große Liebe, verheiratet ist. Nun könnte man annehmen, dass Lena Andersson diese Pattsituation so darlegt, wie es gewöhnlich in Romanen abläuft. Und zum Teil muss man sich vielleicht auch eingestehen, dass es so ist. Denn es gibt ein ständiges Hin und Her, was die Definition und den Beziehungsstatus der beiden angeht. Die Protagonisten sorgen dabei für Kopfschütteln, für innerliche Wutausbrüche und paradoxerweise einen gewissen Anteil an Verständnis für die bizarren Handlungen, die beschrieben werden.
Man wird in eine Welt des seelisch selbstzerstörerischen eingeladen, das man am liebsten ganz schnell von sich abschütteln wollen würde, was einen aber dennoch immer wieder in einen Sog zieht und dafür sorgt, dass diese wirklich ständigen Wiederholungen von Annäherung und Abstoßung nicht "langweilig" werden. Es ist diese Kombination aus ewigem Wiederkehrenden, das scheinbare nicht Durchbrechen von Mustern und aber der doch reflektierten und sehr psychologischen Entwicklung Esters mit jedem weiteren "Rückfall". Es ist wahnsinnig spannend zu sehen, wie sich diese dem Leser scheinbar offensichtliche Sturheit und Verbissenheit der Protagonisten und des daraus folgenden Unglücks, immer in neue Wege abzweigt. Man denkt, man wisse alles, was noch folgen wird und dann kommt die Autorin aber mit neuen psychologischen und wunderbar bildhaften Vergleichen der "Beziehung", das man sich selbst in diesem Kreislauf gefangen sieht. Man will aus dem Geschriebenen ausbrechen, weil man denkt, es kommt nichts Neues mehr und wird dann wieder vom geschickt neu eingeworfenen Gedanken zurückerobert.

"Schwach ist der Teil, der zu viel will, stark ist der, dem es mehr oder weniger egal ist.“  S.78

Ich kann nicht leugnen, dass mir die gleiche Protagonistin, da auch schon aus vorherigem Buch bekannt und trotz der präsenten Naivität, als gut gewählt erscheint. Auch hier könnte man meinen, dass sich alles wiederholt, dies trifft aber nicht zu. Die Protagonistin findet neue Ansätze, welche die Problematik gewisser Beziehungskonstellationen ganz gut neu darlegen. Es ist tatsächlich so, dass man mit ihr mitfühlt, man ihr Ratschläge geben möchte, obwohl man weiß, dass diese Abprallen werden. Der auch hier aufgeführte "Frauenchor" bestehend aus ihren Freundinnen, leistet nämlich auch hier wieder gute Arbeit. Es zeigt aber dieses Musterverhalten ganz gut auf, was durch den Austausch der Protagonistin sicherlich nicht so gut gelungen wäre. 
Es ist aber auch so, dass ich an vielen Stellen die Andeutungen als zwiespältig empfunden habe, vor allem zu Beginn. Man muss sich erst ein wenig zurechtfinden, in wieweit man Esters Sicht und ihrer "Abhängigkeit" zu Olof trauen kann, sprich in wie weit ihre Wahrnehmung der Nähe und des Abstandes zutrifft. So ist es auch nicht überraschend, dass das Buch zwar einerseits eine scheinbar oberflächliche Betrachtung einer problematischen Beziehung aufzeigt, aber wenn man daran interessiert ist und die vielen psychologischen Äußerungen stärker integriert, auch eine sehr intelligente und kompliziertere Erklärung bereithält. Es ist auch hier wieder ein Spiel zwischen Offensichtlichem und Verborgenem, das man zu deuten wissen oder besser gesagt versuchen muss.

"Sehen wir uns doch nur die Strategie an, mit der Gott das Interesse der Menschen festhält. Niemand hat die Psychologie von Abhängigkeit und Doppelbindung so gut durchschaut wie er. Er weiß, wie man Menschen mit genau der richtigen Dosis Liebe und Kälte an sich bindet, damit sie sich niemals losreißen können, damit er niemals verlassen wird. Und die Menschen richten sich so ein, dass sie niemals aufhören müssen, ihren Retter zu lieben und zu brauchen." S.287

Sehr intelligenter, wenn auch stark psychologischer Roman über die Verhaltensmuster einer (problematischen) Beziehung. Spielt auf verschiedenen Ebenen mit Nähe und Distanz und sorgt für einen Lesesog. Man muss sich aber auch auf die Zwischenrtöne einlassen können, sonst könnte einem die bloße Handlung zu "einfach" vorkommen. Mich konnte Lena Andersson aber erneut überzeugen.

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!


Puffin Classics: V&A Collector´s Edition

Mai 06, 2017





Es gibt sie in den verschiedensten Ausführungen: Klassiker. Mal bunt, mal schlicht, mal illustriert und mal nicht. Das Verlagshaus "Penguin" bringt in schon beinahe regelmäßigen Abständen immer mal wieder gebündelte Ausgaben einiger Klassiker heraus (zuletzt waren zum Beispiel die "Puffin in Bloom" Bücher sehr erfolgreich), die mich aber immer wieder staunen lassen.
Seit knapp einer Woche sind die neuesten Editionen nun im Handel erhältlich. Hier handelt es sich um das Imprint "Puffin Books", welches gezielt Kinderklassiker verlegt, sodass die Ausgaben derzeit nur in Englisch erhältlich sind. Mit dabei sind folgende Kinderklassiker: "Alice´s Adventures in Wonderland", "Little Women", "The Secret Garden", "The Wind in The Willows" und "Anne of Green Gables". Die Besonderheit der Ausgaben ist nicht zwingend die innere Gestaltung, sondern die äußere. In Kooperation mit dem V&A (Victoria & Albert) Museum, welche unter Einbindung der bekannten Muster von William Morris die Cover gestaltet hat, ist dem Verlag, wie auch dem Museum meiner Meinung nach etwas ganz Tolles gelungen. Die Kinderklassiker sind ein kleiner Hingucker, nicht zuletzt durch die Goldfolienprägung und die ganz spezielle Struktur des Umschlags. 
Ein kleiner Nachteil daran ist lediglich, dass man vorsichtig mit den Büchern umgehen muss, wenn man möchte, dass sie lange schön aussehen. Die Ecken sind empfindlich und können so schnellere Abnutzungen aufweisen. Wirft man sie aber nicht gerade quer durch den Raum, so sollte man aber keine Angst vor einem normalen Lesevorgang haben.

Die Bücher kommen an sich in ihrer üblichen Form daher. In "The Secret Garden", "Alice in Wonderland" und "The Wind in the Willows" lassen sich zudem einige, kleine Illustrationen finden. Die Rückseite ist bei jedem Buch ebenfalls durch eine Illustration mit passendem Zitat ausgeschmückt worden. 
Damit ihr euch noch einen etwas besseren Eindruck über die Bücher verschaffen könnt, verlinke ich euch gerne die offiziellen Seiten des Verlags (englisch).
        
        » "Anne of Green Gables" von L.M. Montgomery
        » "The Wind in The Willows" von Kenneth Grahame
        » "Alice´s Adventures in Wonderland" von Lewis Carroll
        » "Little Women" von Louisa May Alcott
        » "The Secret Garden" von Frances Hodgson Burnett

und auch die offizielle Seite des V&A Museum, denn hier sind die Bücher etwas "realer" dargestellt.

Zusätzlich hat der Verlag auf Youtube noch ein sehr schönes Video geteilt, das die Bücher noch einmal auf sehr kreative Art und Weise vorstellt. HIER könnt ihr euch das Video ansehen.

Gefallen euch die neuen Ausgaben der Klassiker? Sind euch solche zusammengehörigen Exemplare lieber und besitzt ihr auch mehr als eine Ausgabe eures Favoriten? Oder sind euch solche Neuauflagen eher unwichtig und für euch uninteressant?





Literarisches Zubehör

Mai 05, 2017












Zuerst kommt die Hauptquelle, die Bücher selbst. Dann folgt die irgendwie automatisch dazugehörende Stufe; das Sammeln der Dinge, die etwas mit erster Quelle zu tun haben. Ich gehöre eindeutig zu den Lesern, die sich von buchbezogenen Gegenständen magisch angezogen fühlen. Gerne stöbere ich in Buchhandlungen, in Haushaltswarengeschäftenn oder sogar im Supermarkt nach Dingen, die sich mit literarischen Geschichten verbinden lassen; und davon gibt es ehrlich gesagt reichlich. 

Ganz vorne mit dabei sind natürlich die verschiedensten Tassen, die mal mit Motiv, mal nur mit Spruch (bezogen auf ein Buch) daherkommen. Ich finde es irgendwie schön, wenn man zum Beispiel Klassiker wie "Winnie The Pooh" mit der passenden Tasse lesen kann oder sich einfach darüber freut, dass die Liebe zu den Geschichten über das Buch hinaus geht.
Neulich kam meine Schwester von einer Reise aus London zurück. Als Souvenir hat sie uns eine kleine "Alice im Wunderland" Teepackung und ein zusätzliches Pröbchen mitgebracht. Für viele ist es "halt einfach ein Tee". Für mich ist es aber irgendwie immer mehr als das, weil man sich wieder an die Geschichten erinnert, an die darin vorkommenden "Teepartys" des Hutmachers und irgendwie beginnt, wieder darin zu schwelgen. Es ist ein kleines Stückchen so, als könnte man für kurze Zeit, ein Teil der Geschichte sein.

Mit der Zeit wächst die Sammlung natürlich stetig an, genauso wie die eigentlichen Buchsammlungen auch. Mittlerweile besitze ich einige Harry Potter Notizbücher (kann ja immer mal vorkommen, dass ein Notizbuch schneller vollgeschrieben ist, als man dachte), Jutebeutel und auch einige andere "Fan-artikel", die ich aber gerne um mich herum habe, auch wenn es später nur "herumliegt". 
Irgendwie fühlt man sich damit wieder jünger, in die Zeit zurückversetzt in der man sich hat mitreißen lassen von der schlichten Bezugnahme zu etwas, das man mochte. Ich finde Dinge großartig, die vor meiner Kindheit sprühen, wie zum Beispiel "Die Schöne und das Biest" Schokoladen. 
Es lassen sich aber auch die etwas schlichteren, literarischen Gegenstände bei mir finden. Die "Penguin Postcards", die bestimmte Klassiker abbilden oder buchbezogene Buttons haben mein Herz ebenfalls schneller erobert, als ich denken kann. Diese Gegenstände sind zwar nicht gleichbedeutend, wie die gelesenen Geschichten, aber sie lassen mich die Geschichten wiedererleben. 
Paradoxerweise bin ich aber gar kein allzu großer Fan von den derzeit so beliebten "Funko Pop Figuren". Ich kann verstehen, dass man sie schön findet, aber ich weiß aus persönlichen Erfahrungen heraus, dass ich es am Anfang übertreiben und mir sehr viele kaufen wollen würde, um sie dann anschließend nach einiger Zeit loswerden zu wollen. 

Sammelt ihr bestimmtes literarisches Zubehör? Oder habt ihr dafür absolut keine Verwendung?





Lily und der Oktopus von Steven Rowley

Mai 04, 2017








(Original: "Lily and the Octopus" / 2016) Goldmann Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Sibylle Schmidt (aus dem Amerikanischen), 352 Seiten, gebunden,  ★★(☆) 4 bis 5 Sterne 
"Lily lebt seit zwölf Jahren in Los Angeles. An der Seite des Drehbuchautors Ted hat sie eine großartige Zeit verbracht. Viele Abenteuer haben die beiden gemeinsam bestanden, so manche Herausforderung gemeistert, und nichts konnte sie je voneinander trennen. Lily ist eine Dackeldame, und sie ist die witzigste und charmanteste Begleiterin, die es für Ted nur geben kann. Doch dann wird Lily schwer krank – und auch wenn Ted weiß, dass er kaum eine Chance hat, zieht er in den Kampf gegen seinen ärgsten Feind: den Tod, der sie bedroht. Ted und Lily begeben sich auf ihre letzte große gemeinsame Reise – und Ted begreift, dass die Liebe uns mitunter allen Mut abverlangt, den wir haben ..."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Dem ungeübten Ohr würde nichts Ungewöhnliches auffallen. Aber ich kenne Lily so gut, wie man ein anderes lebendes Wesen nur kennen kann, und ich höre den unterschied. Das Seufzen ist nicht entspannt, sondern irgendwie mühsam. Lily macht sich Sorgen und trägt eine Last mit sich herum.“  S.15f.

Bekanntlich hat man ja bereits vor Beginn des Lesens eines Buches gewisse Vorstellungen, wie es geschrieben sein könnte, wie die Figuren charakterisiert werden. Ich muss zugeben, dass ich mir von dieser Geschichte zwar nicht viel erhofft habe, aber dennoch das Gefühl hatte, dass es vielleicht Potential hat. Schnell habe ich festgestellt, dass ich alle meine "Vorurteile" über Bord werfen musste (in passender Anlehnung an den Inhalt). 
Das Buch zeichnet sich tatsächlich durch so viel mehr aus, als eine einfache Freundschaftsgeschichte zwischen Mensch und Hund. Natürlich ist dieser Aspekt ein sehr wichtiger, der das Buch dominiert, aber durch die sehr bildhaften Elemente, wirkt die Geschichte wie ein ganz eigenes Genre. Es bezieht die klassischen, menschlichen Beziehungen mit ein, es thematisiert die Aufarbeitung gewisser Probleme und deren Umgang in einer psychologischen Sitzung, wie aber auch die Tatsache, dass man gewollt ist, schwierige Lebenssituationen als traumartige Sequenz zu erleben, um sich nicht schutzlos ausgeliefert zu fühlen. Ich muss ehrlich sagen, dass mich viele Teile des Buches sehr überrascht haben. So stößt man hier nicht auf eine kitschige Geschichte, die diese Verbindung zwischen Mensch und Haustier wie gewöhnlich darstellt, sondern eher auf eine Geschichte, die recht ernst ist, aber immer einen Hoffnungsschimmer in greifbarer Nähe positioniert, wie ein lebensrettender Rettungsring.
Die Atmosphäre war für mich ebenfalls ganz anders als erwartet. Sie ist nicht bitterernst, versprüht durchaus Ironie und Charme, aber es schwingt immer dieses Gefühl mit, dass es eben auch Dinge aufgreifen möchte, die sich durch eine ernstere Herangehensweise auszeichnen. Vor allem auch aufgrund der Einfälle des Autors in Hinblick auf die Abenteuer die Ted und Lily erleben.

"Ich erkenne das Zitat auf Anhieb. ´Peter Pan.´

            ´J.M. Barrie´, korrigiert Kal. ´Peter Pan gibt es nicht.´

´Ach nein? Ich dachte immer, er sei der Tod. Ein Todesengel, der kam, um die Kinder zu holen.´“  S.213

So war insgesamt auch die Darstellung des Protagonisten und seines Lebens für mich eine recht große Überraschung. Zu Beginn muss man sich erst etwas einfinden, weil "Ted" zunächst den Anschein macht, als sei alles, was er schildert die pure Wirklichkeit. In gewisser Hinsicht und in Anbetracht der metaphorischen Anspielungen, die seine Gefühlswelt aufzeigen, ist dies auch sicherlich so. Als Leser muss man sich aber eine Art Zwischenwelt suchen, um die tatsächlichen Gegebenheiten herausfiltern zu können. Dabei behilflich ist aber sein überschaubares Umfeld, das sich durch gezielte Aussagen oder Andeutungen auf seine Lage bezieht. 
Ich fand es interessant zu sehen, wie schnell man sich aber auf diese Erzählweise einlässt. Man merkt mit der Zeit, in welche Richtung sich Ted entwickelt und in wie weit dies Auswirkungen auf die Beziehung zu Lily hat. 
"Lily" als Charakter ist ebenfalls wunderbar umgesetzt. Diese spielerische Verwendung der Dialoge zwischen den beiden, also auch das direkte Antworten von Lily auf Teds Fragen und Äußerungen, wie auch deren "Spieleabende" zeigen für mich ganz gut auf, wie innig die Beziehung zwischen Mensch und Haustier, oder besser gesagt, tierischem Freund sein kann. Vieles scheint zunächst etwas unglaubwürdig und offensichtlich imaginär. Aber in allen Abläufen habe ich immer diese Instanz gespürt, die aufzeigen soll, dass sich Einsamkeit manchmal auf andere Weise bemerkbar macht.
Und natürlich bleiben, trotz der abenteuerlichen Ereignisse, die man erst einordnen muss, die Gefühle ebenfalls nicht auf der Strecke. Auch wenn Hundesympathisanten hier sicherlich stärker mitfühlen, werden glaube ich auch alle anderen Leser nicht ungerührt zurückbleiben.

"´Du wirst dich verlieben´, sagt Lily. Und dann fügt sie noch hinzu: ´Ich verspreche es dir.´ Eine Sternschnuppe schießt über den Himmel, und ich deute darauf und schreie: ´Schau!´Aber Lily guckt nicht schnell genug und sieht sie nicht." S.248

Gefühlvolle Geschichte, die sich mit der innigen Freundschaft zwischen Mensch und geliebten "Haustier" auseinandersetzt. Gleichzeitig spielt der Roman mit Metaphern und bildhaften Traumsequenzen, sodass die Geschichte nicht nur an die Gefühle des Lesers appelliert, sondern sich auch mit Themen wie der Einsamkeit und dem Verlust auseinandersetzt. Für mich eine kleine Überraschung, weil in dem Buch wirklich viel mehr steckt, als zunächst angenommen. Versprüht nicht immer zwangsläufig nur Heiterkeit, aber spielt mit humoristischen Akzenten.























Vielen Dank an den Goldmann Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!