Neuerscheinungen Mai

April 24, 2017






Es werden bereits die ersten Vorschauen für das Herbst-/Winterprogramm veröffentlicht. Es gibt allerdings noch einige demnächst erscheinende, interessante Neuerscheinungen, die noch aus dem Frühjahrsprogramm kommen. Natürlich wollte ich es mir nicht nehmen lassen, sie euch kurz vorzustellen. 

Wie immer gelangt ihr durch einen Klick auf den Titel, auf die jeweilige Verlagsseite und zu den dazugehörigen Informationen zum Buch

"Der Freund der Toten" von Jess Kidd, Dumont, gebunden, 19. Mai
Ein Buch, was mich diesen Monat mitunter am meisten interessiert. Die Geschichte soll sich durch "beißenden Humor" auszeichnen, was ich eigentlich ganz gerne mag. Und auch der Inhalt hört sich nicht ganz uninteressant an, denn die Suche nach der eigenen Identität kann meist wirklich spannend werden.

"Die Taufe" von Ann Patchett, Berlin Verlag, gebunden, 02. Mai
Aufmerksam wurde ich auf das Buch eher durch den Namen der Autorin. Sie hat bereits das kleine Büchlein "Aus Liebe zum Buch" geschrieben, wodurch sie mir positiv im Gedächtnis geblieben ist. Mal sehen, ob ich mich zu diesem Buch auch noch hinreißen lassen werde.

"Für Bücherfreunde" (Hrsg.) von Daniel Keel und Daniel Kampa, Diogenes, gebunden, 24. Mai
Bücher über Bücher oder über andere Literaturbezüge sind immer lesenswert. Daher kam dieses Buch sofort auf meinen Merkzettel.

"Die Sirene" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Piper, gebunden, 02. Mai
Ich bin bekanntlich ein "Fan" von Erzählungen.  Dieses Buch versammelt ganz scheinbar fantasievolle Stories, die mich ebenfalls sofort neugierig gemacht haben. Werde ich sicherlich in der nächsten Zeit mal im Auge behalten.

"Fay" von Larry Brown, Heyne Hardcore, gebunden, 09. Mai
Beim Lesen der Inhaltsangabe zu diesem Buch hatte ich zwei gegensätzliche Gedanken. Der eine sagte mir, dass sich daraus wirklich etwas Gelungenes entwickeln könnte, der andere war sich nicht ganz sicher, ob mich die Thematik so stark anspricht. Jugendliche Ausreißer-Geschichten kennt man irgenwie schon und ich weiß nicht, ob ich mir die knapp siebenhundert Seiten "aufbrummern" möchte. Bleibt daher zwar vorgemerkt, aber vielleicht etwas au den hinteren Rängen.

"Always and forever, Lara Jean" von Jenny Han, Simon & Schuster (englische Ausgabe), gebunden, 02. Mai
Dieses Buch musste einfach ganz klar auf meinen Merkzettel. Es handelt sich hier um den dritten Teil der "To all the boys I´ve loved before" Reihe. Es ist tatsächlich ein Buch, das voller jugendlicher Naivität ist und auch verdammt kitschig daherkommt. Aber ab und zu brauch ich solche Geschichten einfach und da mir die ersten beiden Bände ganz gut gefallen haben, werde ich wahrscheinlich auch das Finale in Angriff nehmen.

"Stolz und Vorurteil" von Jane Austen, Penguin, Taschenbuch, 09. Mai
Nicht neu, aber in neuem Gewand kommt dieser Klassiker daher.

"Die Stadt im Nichts" von Mark Watson, Broschur, Heyne Encore, 22. Mai
"Doch kaum hat er sich an seine neue Umgebung gewöhnt, wird ein Mitarbeiter seines Teams tot aufgefunden. Das Merkwürdige daran ist, dass es niemanden so recht zu stören scheint …" Mit solchen Andeutungen hat man mich meist immer schnell für das Buch eingenommen. Da mir auch hier schon "Hotel Alpha" von Mark Watson gefallen hat, werde ich mir das Buch mal merken.

"Biete Krise, suche Glück" von David Foenkinos, Penguin, Taschenbuch, 09. Mai
Foenkinos ist mir eigentlich durch seinen Roman "Charlotte" bekannt; gelesen habe ich das Buch bisher aber noch nicht. Dieses Buch wurde zudem bereits 2014 unter dem Titel "Zurück auf Los" veröffentlicht. Das ging aber komplett an mir vorbei. Auch jetzt bin ich mir noch etwas unschlüssig, ob ich mich nicht nur von dem Cover hab beeindrucken lassen. Der Inhalt löst bei mir noch keine Jubelschreie aus, aber mal sehen.

"Gemischte Gefühle" von Katherine Heiny, Hoffmann und Campe, gebunden, (auf Juli verschoben)

"Die Stunde der Welt" von Frank Schirrmacher, Blessing, gebunden, 09. Mai
"Frank Schirrmacher erkundet die Bedeutung von Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Stefan George und Gottfried Benn, deren ästhetische Errungenschaften die literarische Moderne prägten und bis heute nachwirken." Da meldet sich wohl mein Studentenherz zu Wort. Ich finde solche Bücher immer wahnsinnig interessant und werde mir das Buch auch hier weiter oben auf der Liste vormerken.

Merkwürdigerweise scheint hier nur noch das e-book zu erscheinen (auch wenn es bei zB Thalia noch als gebundene Variante gelistet ist). Sollte dies so bleiben, muss ich wohl nicht mehr darüber nachdenken, ob es für mich in Frage kommt. Ich besitze keinen e-Reader und bin wirklich kein Freund davon, Bücher auf PC´s zu lesen. Daher warte ich hier mal ab, ob die Ausgabeart beibehalten wird.

Welche Neuerscheinugen interessieren euch im Moment am meisten?




Welttag des Buches

April 23, 2017












Wenn Büchern ein internationaler Tag gewidmet wird, dann soll das schon etwas heißen. Ab dem 14. Jahrhundert gibt es sie in der Form, die uns heute noch am gängigsten daherkommt; nämlich aus Papier. Dieses bedruckte Papier ist aber weit mehr, als nur ihr Gegenstandswert. Es beinhaltet zahlreiche, fantasievolle Geschichten, die uns immer auf ganz persönlicher, emotionaler Basis berühren.
Im zunehmend virtuellen Zeitalter, scheint für viele das Buch bereits ausgestorben zu sein. Für leseinteressierte Menschen allerdings ist die Entwicklung des Internets nur eine weitere, großartige Ergänzung dazu, sich über Bücher informieren zu können, sie in die Lieblingsbuchhandlung bestellen oder sich einfach von schönen Ausgaben einnehmen zu lassen.

Was also bedeutet nun der "Welttag des Buches" für mich? Für mich ist es in dem Sinne ein besonderer Tag, weil sich alle Menschen auf der ganzen Welt gezielt darüber äußern, dass sie Bücher feiern, dass es Bücher gibt, die ihnen etwas an Erfahrung, Emotionen oder Ähnlichem weitergegeben haben. Es ist ein Tag, der abseits der alltäglichen Liebesbekundungen zu Büchern, eine neue Liebe entflammen lässt, einfach weil man durch andere Kommentare (zB. via Twitter) merkt, dass es kein "Hype" ist, wieso man liest, sondern weil man sich innig in diese Vielfalt der Literatur hinein katapultiert und eben verliebt hat. Und dies ist immer sehr persönlich, sehr individuell.
So ist für mich diese ständige Diskussion, die die vermeintlichen Schwachstellen der Literaturblogger-Welt aufgreift (wie auch letztens erst wieder einmal thematisiert) einfach nur ermüdend. Für mich macht es keinen Unterschied, ob man auf seinem Blog ein Bild des Buches mit Duftkerzen, Tassen, Tee oder im Gegensatz dazu mit hoch intellektuellen Details einbindet. Dadurch zeichnen sich Blogs nun einmal aus (man muss sie schließlich auch nicht lesen, wenn man es nicht will), dass sie die Interessen der dahinterstehenden Person verkörpern. Das nimmt keinen Einfluss auf die Beurteilung des besprochenen Buches, um das es schlichtweg gehen sollte. Und ist es nicht auch genau das, was uns Bücher meist lehren (wollen)? Dass der Leser sich nicht davor scheuen soll, er selbst zu sein. Dass das Buch den Leser dazu ermutigen will, gegenüber seinen Mitmenschen offener und empathiefähiger zu sein? Für mich schlägt diese Aufforderung, dass Menschen, die Bücher gerne weiterempfehlen, es lassen sollten, ihre Persönlichkeit zu offenbaren und sich hinter einer Anonymität verstecken sollten um das Buch möglichst souverän vorzustellen, fehl. 
Bücher werden dafür gefeiert, dass sie die Vielfalt der Welt aufzeigen und das sollten wir in unserer Betrachtung der Gesellschaft nicht abhandenkommen lassen. So ist der Welttag des Buches für mich nicht nur ein wunderbarer Tag, um die fantastischen Bücher zu feiern, sondern auch ein Tag, der veranschaulichen sollte, dass es erlaubt und von mir auch erwünscht ist, einen "Ulysses" neben ein Stück Kuchen zu legen (es zu fotografieren) und dennoch eine ordentliche Besprechung dazu zu liefern. Denn Bücher sind keine losgelösten  Objekte, die nie in Kontakt mit anderen Gegenständen kommen, man darf sie gerne vielfältig einsetzen und sie so darstellen und weiterempfehlen, wie man es selbst für richtig hält. Also posaunt eure Liebe zur Literatur so heraus, wie ihr es wollt!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen wunderbaren Welttag des Buches. Und auch, wenn heute die Buchhandlungen leider geschlossen sind und man nicht mit einem Bucheinkauf feiern kann, lässt sich das bestimmt auch durch das schlichte Lesen der aktuellen Lektüre ausgleichen. Oder seid ihr sogar bei "#verlagebesuchen" dabei?


Was lest ihr heute? Habt ihr euch eine spezielle Lektüre ausgewählt? Was bedeutet der Welttag des Buches für euch?



Do Androids Dream Of Electric Sheep? von Philip K. Dick

April 19, 2017







(Original: "-" / 1968) Orion Books Publishing, Übersetzer/in: -, 214 Seiten, Taschenbuch, Englische Ausgabe  ★★(★) 3 bis 4 Sterne 

"Der Krieg hat die Erde zerstört zurückgelassen. Zwischen den Ruinen jagt der Kopfgeldjäger Rick Deckard seine Beute, die flüchtigen Androiden. Bringt er sie gerade nicht zur Strecke, träumt er davon das Statussymbol schlechthin zu besitzen: ein lebendiges und echtes Tier. Doch dann bekommt Rick seine große Chance: er soll sechs "Nexus -6" Ziele "erbeuten" und dies für eine erstaunlich hohe Belohnung. Doch das Leben verläuft nicht nur auf einer geraden Strecke geradeaus und schnell verstrickt sich Rick in einen kaleidoskopischen Albtraum."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Nothing could be more impolite. To say, ´Is your sheep genuine?´would be a worse breach of manners than to inquire whether a citizen´s teeth, hair, or internal organs would test out authentic." S.5

Der Film "Blade Runner" ist sicherlich vielen ein Begriff. "Do Androids Dream Of Electric Sheep?" ist die Romanvorlage dazu und entführt uns, wie bei Philip K. Dick ganz typisch, in eine recht bizarre und anders entwickelte Welt, als wir gewohnt sind.
Ich persönlich habe den Film noch nicht gesehen, war also recht unvoreingenommen, was die Handlung und die Science Fiction Einflüsse anbelangt. Definitiv hat das Buch bei mir seine Wirkung hinterlassen und zwar hinsichtlich vieler Kritikpunkte an der Betrachtung unserer jetzigen Sichtweise in Bezug auf Tiere und dem gleichzeitigen Wunsch, das "echte" Leben komplett auf künstliche Weise nachzuahmen. Der Science-Fiction Roman greift bereits zu Beginn einen ersten wichtigen Punkt auf, der aufzeigt, dass Menschen große Zerstörungskünste besitzen. Die Erde ist durch den Krieg kaum noch bewohnbar, Tiere sind durch die entstandenen Schäden unfassbar rar und sollen nun beschützt werden.
So schrecklich dieses Szenario und die Ausgangssituation ist, so wunderbar zeigt sie auf, was bei der Menschheit immer noch falsch läuft. Kriege sorgen für die immer sehr begehrte Macht, da wird von den möglicherweise katastrophalen Folgen erst einmal abgesehen. Tiere sind für uns sowieso nur Viehzucht und übermäßig produzierte Nahrung, die man überall finden und kaufen kann. Durch diese gezielten Wandlungen der Verhältnisse sorgt Philip K. Dick dafür, dass sich diese schon ironische Wandlung zum menschlichen Beschützer der Tiere, zu einem kleinen Gedankenkarussell entwickelt. 
Unbeachtet gelassen werden aber auch dennoch nicht die Konflikte, dass der Mensch sich nur um die Tiere kümmert, weil sie ihm das nötige Prestige verleihen. So nimmt dieses Themengebiet in dem Roman einen recht hohen Anteil ein, ist aber trotzdem noch an viele andere Überlegungen gekoppelt. All dieses liest sich mit einem "Fingerzeig", der aber auch nötig ist. Man möchte natürlich als Leser erfahren, was es mit den Androiden auf sich hat, schnell merkt man aber, dass der Roman darauf abzielt uns etwas wichtiges vor Augen zu halten.

"´And androids´ Eldon Rosen added. ´Although naturally the public isn´t told that; they´re not supposed that androids are on Earth, in our midst.“  S.45.

Durch diese immense Wucht an komplexen Problemen, die das Verhalten der Menschen mit sich bringt, war ich mir nicht immer sicher, ob mir das Tempo des Buches so gut gefallen hat. Zentral gibt es zwei Protagonisten, die uns durch die Geschichte führen. Die Fortschritte, die der Kopfgeldjäger Rick Deckard in dem Verlauf macht, schienen mir manchmal etwas zu hektisch, manchmal so, als sei alles ein gutes Konstrukt, weil es in die Handlung passt, wobei aber diese "geschmeidige" Übergänge etwas darunter gelitten haben. 
Es kamen einige Textstellen, bei denen man herausgefordert wird, nachzudenken, ob die vorgeführten Ergebnisse stimmen können. Man liest und denkt parallel dazu weiter, ob es einen doch anderen Ausgang nehmen könnte, als bereits geahnt und dann nach wenigen Sätzen, richtet der Autor alles wieder hin. Quasi ohne weitere Schwierigkeiten, was sich für mich manchmal einfach zu "abgeschnitten" angefühlt hat, was vielleicht auch der allgemeinen Kürze des Buches geschuldet ist. Demnach hat mir rein von der Schreibweise betrachtet, nicht alles gefallen, dafür fand ich aber die inhaltlichen Aspekte umso stärker.
Mir gefiel das komplette "Spiel" mit der Frage nach den Gefühlen und Empfindungen von Lebewesen und auch die Definition dessen. So spielt zwar die bereits aufgegriffene "Verehrung" der Tiere eine Rolle, aber eben auch die Frage danach, wann etwas neu Erschaffenes als vollwertiger Mensch angesehen werden kann. Wo kann man sich vorstellen, entsteht Empathie? Ist das überhaupt möglich, solange man kein "echter" Mensch ist? Durch die auch hier recht raschen Wechsel der "Jagd" von Rick Deckard auf die Androiden, entstehen tatsächlich viele Blickwinkel auf diese Überlegung, die aber gar nicht so leicht zu bestimmen sind. Ebenso gelungen, der Einbezug des zweiten Protagonisten, der noch auf der Erde weilt; Isidore. Er verkörpert die Menschen, die irgendwie bei allem nur hinten dran hängen und keine Chance auf Anerkennung und Erfolg haben. Überraschenderweise war für mich dieser Charakter am Ende noch interessanter, als der des Kopfgeldjägers.


Die Romanvorlage von "Blade Runner" überzeugt durch eine recht deutlich vorstellbare, zerstörte Erde, die nun versucht durch neue Werte und Ausflüchte, eine Zukunft zu haben. Viele komplexere, auch moralische Fragen werden aufgegriffen und stellen gleichzeitig dar, wie schwierig es ist, durch zunehmende Vermenschlichung künstlicher Intelligenzen, den Nachweis möglicher Empathie zu erbringen. Die Handlungen haben ein recht zügiges Tempo, was dem schweren Inhalt manchmal vielleicht nicht ganz gerecht wird.


Der Report der Magd von Margaret Atwood

April 16, 2017










(Original: "The Handmaid´s Tale" / 1985) Piper Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Helga Pfetsch (aus dem kanadischen Englisch), 416 Seiten, Taschenbuch★★ 5 Sterne 

"»Mit ›Der Report der Magd‹ hat sich Margaret Atwood in die Nachfolge von Aldous Huxley und George Orwell hineingeschrieben.« Der Spiegel
Die provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben: Die Dienerin Desfred besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben ... Margaret Atwoods »Report der Magd« wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation und von Volker Schlöndorff unter dem Titel »Die Geschichte der Dienerin« verfilmt."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Das Normale, sagte Tante Lydia, ist das, was ihr gewohnt seid. Was ihr jetzt erlebt, mag euch vorläufig noch nicht normal vorkommen, aber nach einiger Zeit wird sich das ändern. Es wird das Normale werden." S.52

Man kann die Tatsache wohl nicht wirklich von sich weisen, dass zur jetzigen Zeit, beängstigende Zukunftsvisionen realer denn je erscheinen. Politisch scheint alles drunter und drüber zu gehen, man weiß nicht genau, welche Konflikte folgen werden und welche fanatischen Kreise sich noch zu entwickeln drohen. Umso erstaunlicher, bizarrer und auch durchaus gruselig die Tatsache, dass Margaret Atwood ihren bekannten Roman "The Handmaid´s Tale" im Original bereits im Jahr 1985 veröffentlicht hat und sich viele Überlegungen und Entwicklungen darin wiederfinden lassen, die den Leser etwas benommen zurücklassen.
Im Mittelpunkt steht ein Staat, der es sich zu Eigen gemacht hat, Frauen zu kontrollieren. Von beinahe jetzt auf gleich vollzieht sich eine Umwandlung der gesamten gesellschaftlichen Werte, sodass Frauen gezwungen werden als "Gebärmaschine" zu dienen. Das einmal rein zum inhaltlichen Kontext, um meinen Eindrücken besser folgen zu können. Als weibliche Leserin hat es mich natürlich nicht verwundert, dass ich von den persönlichen Eindrücken der Ich-Erzählerin nicht nur von Anfang an eingenommen, sondern teilweise auch, man kann es sagen, geschockt war. Allein die bloße Vorstellung daran, wie sich Frauen in diesem Gebilde zu fügen haben und wie weit die Observation, wie auch die Bestrafung derer ausfällt, lässt einen nicht unberührt zurück. Es schwingt immer etwas ganz Verletzliches mit. Man hat das Gefühl, man ist wirklich mit der Ich-Erzählerin alleine, als sei man etwas, woran sie sich festhält, etwas, für das es sich lohnt, ihre Geschichte zu erzählen. Man verspürt so eine Art Flüsterton, den der Text an sich hat. Als würde man bei einem Geständnis anwesend sein, das aber nur man selbst hören darf. Für mich einfach umso beeindruckender, wenn man dem tatsächlichen Verlauf der Geschichte folgt. Margaret Atwood erschafft hier nicht nur eine Atmosphäre, die für das Buch angemessen wäre, die erschafft wirklich die Welt, die sich mit jeder Seite realer (wenn auch beängstigender) anfühlt.
Es geschehen Dinge, die einen verletzen, berühren, die einem den Atem stocken lassen, die manchmal dazu führen, dass man gar nicht mehr weiß, welche "Gruppe" der Beteiligten nun noch gut oder schlecht ist und Dinge, über die man tatsächlich lange nachdenkt.

"Jetzt kann ich nicht umhin, die kleine Tätowierung an meinem Knöchel zu sehen. Vier Ziffern und ein Auge - das Gegenteil eines Passes: Sie soll garantieren, dass ich niemals endgültig in eine andere Landschaft entschwinden kann. Ich bin zu wichtig, zu rar dafür. Ich bin Nationalbesitz.“  S.90f.

Dem Gesagten der Erzählerin kann man demnach sehr gut folgen. Alles geschieht in rationierten Schritten. Man wagt sich immer weiter vor und dann auch wieder ein wenig zurück. Die Erzählung beginnt nämlich bereits in ihrer aktuellen Situation, in der sie sich befindet. Als Leser fragt man sich aber natürlich, wie es zu solch einem Staat kommen konnte. In weiteren Kapiteln erfahren wir dann mehr über ihre Vergangenheit und ihre Schicksalsschläge, die sie rekapituliert. Für mich persönlich war es erschreckend zu sehen, wie nah wir immer noch solch eines Szenarios sind, vielleicht näher als noch vor einigen Jahren. Es werden Dinge angedeutet, dass systematisch versucht wird, das Geld nicht mehr auszuzahlen, dass man dadurch quasi nur per Kreditkarte zahlen und auch leben kann. Wenn man sich unsere jetzigen Bank-Geschehnisse ansieht, könnte man vermuten, da tauchen gewisse Parallelen auf. Durch solche Kleinigkeiten fühlt sich das Buch plötzlich gar nicht mehr nach einer weit entfernten, dystopischen Schreckensversion an, sodass man beginnt die Schilderungen sehr extrem wahrzunehmen und sich fragt, ob ein solch drastischer Rückschritt tatsächlich möglich wäre. Haben Frauen tatsächlich Jahrzehnte dafür gekämpft unabhängig zu sein, um dann in so einem System zu landen? Aber nicht nur dieses sehr weit ausführbare Thema, steht hier allein im Vordergrund, sondern auch die wesentlichen Sehnsüchte des Menschen. Können Menschen allen Verboten widerstehen? Und wie lange widerstehen sie, wenn die Bestrafung vor ihren Augen ausgeführt wird?
Meiner Meinung nach spielt Atwood in ihrem Roman so raffiniert mit scheinbar vergessenen Werten, fanatischen Bibelsprüchen (die symbolisieren, dass keine Religion frei von falscher Interpretation ist) und Dingen, die wir als so selbstverständlich wahrnehmen. Ebenso hat mich die ganze Umsetzung dieser vielen Themengebiete sehr überrascht und auch positiv zurückgelassen. Denn obwohl die eigentliche Erzählung der "Magd" endet, fügt Atwood ein weiteres Kapitel ein, das zusätzlich gezielt, weitere Aufschlüsse über vielleicht offen gebliebene Fragen bespricht. Meiner Meinung nach, ein kleiner Geniestreich, mit dem ich nicht gerechnet hätte und der das Buch noch einmal interessanter macht.

"Man musste solche Papierfetzen mitnehmen, wenn man einkaufen ging, obwohl [...] die meisten Leute schon Plastikkarten benutzten. Allerdings nicht für Lebensmittel, das kam später.  [...] Ich muss diese Art Geld auch noch benutzt haben, eine Zeit lang, bevor alles von der Compubank eingezogen wurde. So, nur so, nehme ich an, konnten sie es überhaupt durchführen, ganz plötzlich, ohne dass irgendjemand vorher davon wusste. Hätte es noch bares Geld gegeben, wäre es schwieriger gewesen." S.232f.


Ein raffiniert konstruiertes, totalitäres Regime, welches sich gar nicht so fern anfühlt. Atwood verbindet hier die ganz persönlichen Sehnsüchte der Protagonistin, mit der knallharten Führung des Staates und sorgt dafür, dass man nicht nur einmal mit weiten Augen zurückbleibt. Packend und gleichzeitig wahnsinnig emotional. Beinhaltet gleichzeitig wahnsinnig viel Interpretations- und Gesprächsmöglichkeiten.



Vielen Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Jane Austen: Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt von Holly Ivins

April 11, 2017











(Original: "The Jane Austen Pocket Bible: Everything you want to know about Jane and her novels" / 2010) DVA Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Sabine Roth (aus dem Englischen), 240 Seiten, gebunden★★ 4 Sterne 

„Haben Sie schon einmal von Mr. Darcy geträumt? Wären Sie nicht auch gern die Auserwählte, der ein Gentleman wie Mr Knightley beim Contredanse sehnsüchtige Blicke zuwirft? Wie es im Herzen der Frauen aussieht, weiß keine Autorin so gut wie Jane Austen. Noch heute lieben und leiden viele Leserinnen mit den Schwestern Bennet und Dashwood, und die Welt der englischen Klassikerin fasziniert nicht weniger als vor 200 Jahren. Holly Ivins gewährt uns Blicke hinter die Fassaden der prunkvollen Herrenhäuser und beschreibt mit großer Lust am Detail, wie man sich als Dame schicklich kleidete und wie ein Gentleman seiner Angebeteten formvollendet den Hof machte. Sie erzählt davon, was Mann durfte, Frau aber nicht, für die es sich vor allem nicht ziemte, Romane zu schreiben. Lassen Sie sich entführen in den Alltag in der Regency-Zeit – Holly Ivins weiht Sie ein in die Geheimnisse von Jane Austen.“


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Am Ende dieses kleinen Führers sollten Ihnen Austens Romane nicht mehr als einschüchternde Klassiker vorkommen, sondern wie alte Freunde." S.10

Jane Austen, wer kennt und liebt sie nicht? Ihre Bücher sind wahre Klassiker, die nicht nur uns Leser privat unterhalten, sondern auch viele Produzenten zu den unterschiedlichsten Adaptionen verleiten. Dem ganzen Jane Austen- Universum geht das Büchlein hier Schritt für Schritt auf den Grund. Was schon nach dem ersten Kapitel auffällt ist, dass der englische Titel "Pocket Bible" schon ganz gut beschreibt, worauf man sich hier einlassen kann. Denn es werden zwar die wichtigsten Eckdaten rund um die Person Jane Austen und deren gesellschaftlichen Status und Umgang geschildert, aber alles eben recht kompakt und zusätzlich auch in einigen Stichpunkten. Man hat also alles parat, was man über sie oder ihre Werke wissen muss, es bleibt aber alles etwas überschaubar. Einige Details werden auch in mehreren Kapiteln erneut aufgegriffen, so sind auch einige Wiederholungen nicht ganz ausgeschlossen. Etwas detaillierter geht es jedoch bei den, in Jane Austens Romanen, auftretenden Figuren zu. Hier gibt es wirklich viele Informationen zu den vielleicht manchmal unterschwelligen Anspielungen an die damalige Etikette oder Ähnliches, was wirklich wissenswert ist. Besonders für Einsteiger ist das Buch sicherlich gut geeignet, da sie hier auf die ausführlichen Figurenbezüge zurückgreifen können, falls man bei allen Liebesverknüpfungen durcheinander kommt.

"Während sich heutzutage viele Bekannte mit Handschlag begrüßen, war das Händeschütteln zur Regency-Zeit nur unter engen Freunden üblich - daher Harriets Glück, als Emma ihr die Hand gibt.“  S.47

Zudem wird natürlich auch auf die möglichen privaten Fakten in Bezug auf die Autorin selbst eingegangen. Wie sah ihr Liebesleben aus? Gab es wirklich niemanden, an den sie ihr Herz verschenkt hat? Für mich ist das Buch wunderbar, um solche netten Details zu erfahren, oder eben um sein Wissen etwas aufzufrischen. Ganz zu schweigen von den recht ordentlichen Tipps, die das Buch ebenso zu bieten hat. Es führt zum einen die ganzen Orte auf, die eine wichtige Rolle in den Romanen spielen und verleitet einen beinahe dazu, dass man sich auf der Stelle solch eine Erkundungsreise buchen wollen würde. Ebenfalls kann man sich auf zahlreiche Nennungen verschiedener Filmadaptionen freuen, die man nacheinander "abarbeiten" könnte. Zusätzlich werden auch hier ganz interessante Details verraten, wie zum Beispiel welche Kostüme bereits in anderen Filmen getragen wurden oder Ähnliches. Für bereits richtig eingeschweißte Jane Austen Fans wird es hier wohl nicht sehr viel Neues zu erfahren geben (wenn man sich vielleicht schon selbst ausgiebig über ihr Leben und ihre Werke informiert hat), aber ich finde es ist ein sehr schönes Buch, um die wichtigsten Fakten beisammen zu haben. Ebenfalls erfreut man sich einfach an der schönen Gestaltung und dem Gefühl, sofort alle Werke Jane Austens erneut lesen zu wollen oder damit zu beginnen.

"Ruhm und eine gewinnträchtige Laufbahn anzustreben galt in der damaligen Gesellschaft als undamenhaft, darum machten es viele Autorinnen wie Austen und entschieden sich für eine anonyme Veröffentlichung, um sich keiner üblen Nachrede auszusetzen." S.87


Durchaus gelungene Zusammenstellung der wichtigsten Fakten rund um Jane Austen, die damalige Regency-Gesellschaft und ihre zahlreichen Romane. Geht außer bei der ausführlichen Beschreibung und Verknüpfungen der Figuren aus den Romanen, zwar nicht zu tief ins Detail, was die Zeit und Jane Austens Leben anbelangt, ist aber dennoch informativ und zahlreich an kleinen "Nice-to-know" Stichpunkten. Die schöne Gestaltung sorgt dafür, dass auch richtige Jane Austen Fans, ihre Freude an dem Buch finden werden.


Vielen Dank an den DVA Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Kein Tee für Mr. Darcy von Janina Venn-Rosky (Tea Time #2)

April 09, 2017






(Original: "-" / 2017) Selfpublishing: Bibliografie auf der Autorenseite» , Übersetzer/in: -, 357 Seiten,  Taschenbuch★★ 3 Sterne 

Buchreihe: 1. "Liebe in Teedosen" , 2. "Kein Tee für Mr. Darcy",  3. folgt
„Bloggerin Jane liebt englischen Tee, fantastischen Kuchen, die Welt von Jane Austen und natürlich Mr. Darcy. Für andere Helden ist in Janes Leben kein Platz vorgesehen. Dennoch versucht ein echter Gentleman sich mit einer gehörigen Portion Fantasie, Beharrlichkeit und vielen Tassen Tee in ihr Herz einzuschleichen. Doch Jane wird das seltsame Gefühl nicht los, dass er etwas vor ihr verheimlicht …
Auch im Tea Time sieht die Lage alles andere als rosig aus. Durch eine hinterhältige Intrige ist der kirschrote Teesalon plötzlich in großer Gefahr. Finden Jane und ihre Freundinnen einen Weg, ihren gemeinsamen Traum zu retten? Als auch noch ein Brief von Mr. Darcy höchstpersönlich bei Jane eintrudelt, ist das Chaos perfekt. Kann sie die Chance ihres Lebens ergreifen, ohne ihre Freundinnen zu verlieren? Außerdem ist sie nicht die Einzige, die Tee mit Mr. Darcy trinken will. Und auch der hat so einiges zu verbergen …
Umgeben von allem, wovon sie immer geträumt hat, muss Jane sich fragen, wohin ihr Herz gehört, wenn die Show vorbei ist. Doch das ist alles andere als einfach. Denn – wer kann schon Mr. Darcy widerstehen? Ein Roman über große Träume, echte Freundinnen … und Mr. Darcy“


MEINE MEINUNG | FAZIT

Mit dem zweiten Teil, der sich mit dem hübschen Café "Tea Time" beschäftigt, sorgt die Autorin wieder einmal für ganz verträumte Lesestunden. Klar betitelt ist das Buch als "Frauenroman" und ich glaube in dieser sehr konkreten Eingliederung liegt auch ein wenig seine Stärke. Denn das Buch ist sicherlich gut, um wirklich mal abzuschalten und sich dem schmachtenden Herzen hinzugeben, das sich nach leckeren Kuchenrezepten und an Jane Austen angelehnte Liebesbegegnungen sehnt. Ich persönlich finde es immer unfassbar schwer, bei Liebesromanen oder "Frauenromanen" eine vernünftige Bewertung abzugeben, da hier die Atmosphäre wohl eine der größten Rollen einnimmt. Was die Handlungen betrifft, weiß man als Leser ja meist, wie es ausgehen könnte. Und genau diese Atmosphäre mag ich auch an den Büchern von Janina Venn-Rosky. Ich habe mich tatsächlich gefreut, wieder die Eindrücke des "Tea-Time" wahrzunehmen, mich mit Jane an einen Tisch zu setzen und im Gedanken neue Teesorten auszuprobieren und einfach mal eine gewisse Leichtigkeit zu verspüren, die man mit diesen typischen "Mädchensachen" einfach hat. Auch hier fand ich es wieder ganz gelungen, dass die erwähnten Gebäckstücke mit passendem Rezept hinten ergänzt wurden. Es ist einfach so eine Reihe, die man mit wohligem Gefühl beginnt und beendet und bei der man weiß, dass sie zur reinen Unterhaltung dient. Mich unterhält sie aber bisher ganz gut. Ab und an habe ich noch etwas das Gefühl, dass die Dialoge zu gestellt wirken und manchmal zu oft die Namen bei den Gesprächen genannt werden, was bei einem ganz alltäglichen Dialog unter Freunden ja nicht unbedingt der Fall ist. Dennoch hilft es natürlich dabei, gezielter zu erkennen, wer nun was gesagt hat.

"´Viele denken, es wäre schlimm, vor der Realität davonzulaufen, aber meinst du nicht, dass ab und zu ein wenig Eskapismus erlaubt ist? Eine kleine Flucht vor der Welt?´" S.24

Im Mittelpunkt der Fortsetzung steht hier nun "Jane", die Jane Austen Bloggerin des Trios. Ganz klar war für mich, dass mich dieses Buch wohl am meisten interessieren würde, denn ich liebe Blogs und Jane Austen selbstverständlich auch. Von der Entwicklung der Geschichte war ich ebenfalls positiv überrascht, denn Jane verweilt nicht nur in Berlin im "Tea Time", sondern begibt sich auf ganz genau genommen zwei Reisen nach England. Zu Beginn einmal nach Bath und dann noch einmal auf ein recht geheimnisvolles Anwesen von Mr. Darcy persönlich. Zwischen beiden Erlebnissen kommt der Teeladen aber natürlich auch nicht zu kurz. Darüber hinaus mochte ich, dass zu Beginn etwas dieses Jane Austen Treffen thematisiert wurde, wobei ich auch gerne noch mehr darüber gelesen hätte, da es sich tatsächlich ganz interessant angehört hat und ich das Gefühl hatte, dass man an diesem Ort ebenfalls eine ganze Handlung hätte spielen lassen können. Insgesamt gefiel mir die Mischung aus beiden Schauplätzen aber und auch der Einfall mit Mr. Darcys Brief und seinen folgenden Konsequenzen konnte mich gut unterhalten. Auch hier tauchen natürlich gezielt ganz spezielle "Frauenthemen" auf, die den Verlauf der Geschichte etwas erahnen lassen, aber ich muss gestehen, dass mir einfach der ganze Charme der Jane Austen Welt und auch der Charme der Bloggerin ganz gut gefallen haben. Und auch die Anspielung des Titels auf den weiteren Verlauf der Geschehnisse hat mich irgendwie zum Schmunzeln gebracht.

"´Ich bin mir nicht sicher. Ich meine, ich liebe seinen Stil und seinen Geschmack, aber ich will keinen konservativen Mann!´

          ´Aber du würdest gern im 19. Jahrhundert leben?´ ,bohrte Olivia nach. ´Meinst du nicht, dass 
           da ein kleiner Widerspruch verborgen liegt?´" S.88


Ganz süße Fortsetzung über das Trio des "Tea Time" Cafés, bei dem die Bloggerin Jane im Vordergrund steht. Dadurch werden natürlich auch viele Bezüge zu Jane Austen gezogen und es wird ebenfalls mit den Figuren aus ihren Romanen gespielt, im Fokus natürlich "Mr. Darcy". Die Dialoge konnten mich nicht immer überzeugen, die Atmosphäre und das lockere Gefühl, das man beim Lesen hat aber dafür umso mehr. Wer also gerne in romantische Geschichten entflieht und sich von Tee, Gebäck (mit passenden Rezepten), Jane Austen Bezügen und der gewissen Prise "typischer" Liebesgeschichten verzaubern lassen möchte, der liegt hiermit ganz richtig.



Vielen Dank an die Autorin Janina Venn-Rosky für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Wem erzähle ich das? von Ali Smith

April 06, 2017


(Original: "Artful" / 2012) Luchterhand Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Silvia Morawetz (aus dem Englischen), 224 Seiten, gebunden★★(☆) 4 bis 5 Sterne 

„Wenn Ali Smith die Regeln des Erzählens erklärt, entfalten sich Geschichten. Ihre Vorlesungen über Literatur sind eine Liebesgeschichte, wie sie noch keiner je gehört hat – eine Geschichte zweier Liebender ebenso wie die Geschichte der Liebe des Menschen zur Kunst und was sie für unser aller Leben bedeutet.“


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Ein volles Jahr und ein Tag mögen als kurze Zeit durchgehen, aber dreißig Jahre? Wie konnte es sein, dass mir dreißig Jahre vorkamen wie ein bloßer Wimpernschlag?" S.16

Wenn man als Leser selbst Literatur studiert, oder genauer gesagt das Studienfach "Komparatistik" und man ein Buch wie dieses entdeckt, das Vorlesungen zu genau dieser Richtung beinhaltet, dann schlägt das Literatur-Herz ein wenig höher. Zugegeben, an der ein oder anderen Stelle habe ich mir die Frage gestellt, ob das Buch wirklich so ein großes Publikum ansprechen würde, da es in sich sehr verschachtelt ist, was die verschiedenen Bezüge zu anderen Büchern anbelangt. Die Intertextualität steht hier sicherlich sehr stark im Vordergrund, so kommen zwar vor allem sicherlich Germanistik oder Komparatistik Studenten auf ihre Kosten, aber dennoch bietet das Buch darüber hinaus auch weitaus mehr und das auch für Leser, die sich einfach von einer ganz eigenen Art von Text inspirieren lassen möchten.
Obwohl der Text hauptsächlich aus den Auszügen der Vorlesungen besteht, ist er auch zum Großteil Fiktion, der zwei Protagonistinnen einbaut, die zu dem Zeitpunkt auf ganz spezielle Art und Weise "kommunizieren". Der Leser wird dazu aufgefordert deren Logik zu folgen und sich so Schritt für Schritt an unterschiedliche, aber dennoch zusammengehörende Themen anzunähern, die zwar literarisch geprägt sind, die aber auch ganz natürliche Fragen des Lebens beantworten. Abwechselnd gibt es also die Annäherung an die fiktive Handlung, wie aber auch die Annäherung an die Vorlesungen. Was mich persönlich sehr interessiert hat, waren natürlich auch die vielen Textbezüge, die aufgeführt werden. Zentrales Werk ist hier aber wohl "Oliver Twist" von Charles Dickens, welches alle Kapitel mit einander verbindet. Zusätzlich zu den Kapiteln gibt es im Innenteil eine kleine Auswahl an Bildern, die etwas die Stimmung des Textes einfangen. Sie sind zeitlos, träumerisch und auch surreal, für mich eine ganz gut getroffene Darstellung dessen, was man auch von dem Text erwarten kann. Beinhaltet sind, die auch als Kapitelüberschriften gewählten Themen wie "Zeit", "Form" oder "Ränder", die nicht nur auf literarische Weise untersucht werden, sondern eben auch auf menschliche.

"Du gehst zu deinen Bücherregalen (wir sind da noch nicht zusammengezogen, haben noch nicht getan, was das größte Versprechen überhaupt ist: unsere jeweiligen Bücher in eine gemeinsame Bibliothek zu überführen), ziehst ein schmales Bändchen von Jane Austen heraus, schlägst es auf und blätterst, bis du das Gesuchte findest.“  S.27f.

Was die Sprachwahl angeht, war ich größtenteils sehr positiv überrascht, wahrscheinlich aber auch durch den fiktiven Teil, mit dem ich zu Beginn gar nicht gerechnet hatte. Es werden ebenfalls sehr viele Gedichte und Textstellen anderer Autoren angeführt, die natürlich den literaturwissenschaftlichen Aspekt wunderbar abdecken. Einige Gedichte sind sogar, was mir sehr gefallen hat, auch in der Originalsprache sprich Englisch abgedruckt. Bei den anderen wurde, meiner Meinung nach, viel Wert darauf gelegt, dass die Verbindungen zu gewissen Anspielungen gut verständlich sind und auch aufgegriffen wurden. Sind demnach englische Begriffe für ein weiteres Verständnis ausschlaggebend, werden diese auch in der bestmöglichen Form, sei es auch in Klammern, genannt. 
Mein einziges Kriterium an dem Buch waren wirklich Kleinigkeiten, die ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht in einen logischen Einklang bringen konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch von der Übersetzung gewollt war, weil es dem Originaltext entspricht, oder ob es schlichtweg Flüchtigkeitsfehler sind, aber sie haben dem Text oftmals das Gefühl einer Unverständlichkeit verliehen. Ein Beispiel wäre zum Beispiel dieser Satz: "Du tratst in das Zimmer, als wärst du blind, hinter dir eine Spur aus grobkörnigem Zeug, sehr ähnlich dem, was ich in der Hand hatte, als wir alle dabeistanden und ich die Urnevoll du auf der alten Römerstraße im Wald bei dem Weg mit den Buchen verstreute, kamst noch weiter herein und bliebst vor deinem alten Schreibtisch stehen [...]" (S.23). Oder auch der Satz: "Die Phantasie weiß genau, was die Stunde geschlagen hat." (S.57). Kurz habe ich überlegt, ob ich da tatsächlich etwas nicht im Zusammenhang des Textes verstanden habe, wobei sich mir der Kontext beim ersten Beispiel in dieser Schreibweise auch nach mehrmaligem Lesen nicht erschließt und beim zweiten das "was" wohl durch ein "wann" vertauscht wurde, was auch durch das jeweilige Kapitel, das sich "Zeit" nennt eigentlich auch sinnvoller wäre. Wie dem auch sei, haben sich diese hin und wieder kleinen Stellen nicht zu negativ auf den allgemeinen Eindruck des Buches niedergelassen, denn ich finde die "Machart" des Ganzen wirklich sehr gelungen. Ali Smith schafft es hier einen literarischen Zauberwürfel zu erschaffen, der bei jedem Drehen neue Seiten ans Licht bringt und sich durch die immer wieder aufgebrochenen Sequentzn von Fiktion und Essay wunderbar ergänzt.

"Wir behandeln Bücher heute mit überraschender Lässigkeit. Wir kämen nicht auf die Idee, dass wir ein Musikstück bereits beim ersten Mal verstehen, glauben bei einem Buch aber nur zu gern, wir hätten es gelesen, wenn wir einmal damit durch sind." S.43


Äußerst gelungener Text, der die Grenzen zwischen Fiktion und Essays verschwimmen lässt und trotzdem einigen Prinzipien treu bleibt. Die Kapitel bauen aufeinander auf, thematisieren aber gezielt einen bestimmten Aspekt in literarischen Werken, wie auch darauf bezogen, im Leben der Menschen. Für mich eine ganz neue Spielerei mit der bereits bestehenden Literatur, dem geschriebenen Wort an sich und der Imagination des Lesers.



Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!